tag:blogger.com,1999:blog-88051742009-06-21T15:32:35.292+02:00Appetithappen...ausgewählt aus dem neu Entdeckten und ErdachtenDie Denkernoreply@blogger.comBlogger21125tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-67277470625413506172009-01-24T01:25:00.003+01:002009-01-24T01:36:46.740+01:00Zeitlos aktuelle Appetithappen...herausgepickt aus dem thematisch geordneten Archiv der <span style="font-style: italic;">Denker</span><br /><br />Aus dem Gesammelten zum Thema Vorzeit:<br /><br />Feiere den frohen Tag und ruhe nicht an ihm:<br />Denn siehe, niemand nimmt seine Güter mit sich,<br />und noch keiner kehrte zurück, der dorthin gegangen ist!<br />Papyrus aus der Zeit um 1800 v. Chr.<br /><br />Aus dem Gesammelten zum Thema (Un)Glaube, Punkt Religionsphilosophie:<br /><br />Gleich Konfuzius ist auch für ihn das Altertum das allgemeingültige Vorbild für alle staatliche und gesellschaftliche Ordnung. Die Menschen der Vorzeit waren aber deshalb den heutigen überlegen, weil sie das Tao hochhielten und in Harmonie mit dem Urgrunde allen Seins lebten. In der Wiederherstellung des ihm in romantischer Verklärung erscheinenden naturnahen Zustandes der Altvorderen sieht er das Heil für die Zukunft der Menschheit. Alle politischen und sozialen Übel der Gegenwart haben für ihn ihre Wurzel darin, dass die Menschen sich von der Unschuld kindlicher Einfalt und natürlicher Gesittung entfernten. Durch Aufklärung und künstlich geschaffene Vorschriften erstreben sie eine Ordnung, die allein eine selbstverständliche Auswirkung des Tao zu schaffen vermöchte. 'Je mehr es Dinge in der Welt gibt, die man nicht tun darf, desto mehr verarmt das Volk. Je mehr die Leute scharfe Geräte haben, desto mehr kommt Haus und Staat ins Verderben. Je mehr die Leute Kunst und Schlauheit pflegen, desto mehr erheben sich böse Zeichen. Je mehr Gesetze und Befehle prangen, desto mehr gibt es Diebe und Räuber.' Lao Tse<br /><br />Der wahre Weise wird daher ohne die Illusion eines Sittengesetzes und einer Pflicht gegen Staat und Gesellschaft dem kurzen, leidvollen Dasein so viel Genuss abzugewinnen suchen als möglich ist, ohne sich um ein Jenseits zu sorgen. Denn das einzige, was wir vom Tode wissen, ist, dass er Gute und Böse gleicherweise trifft und dass von allen Menschen nur Knochen übrigbleiben, die niemand mehr unterscheiden kann. Yang Chu<br /><br />Aus dem Gesammelten zum Thema Wissenschaft, Forschung und Technik:<br /><br />Wir mögen uns noch so eifrig vor Augen halten, dass all unser Wissen, alles, was unsere Wahrnehmung uns von der außersubjektiven Wirklichkeit mitteilt, nur ein grob vereinfachendes, annäherungsweises Bild des an sich Bestehenden darstellt, wir können doch nicht verhindern, dass wir gewisse Dinge einfach für wahr halten und von der absoluten Richtigkeit dieses Wissens überzeugt sind. Diese Überzeugung ist, wenn man sie psychologisch und vor allem phänomenologisch richtig betrachtet, einem Glauben in jedem Sinne dieses Wortes gleichzusetzen. [...] Die meisten von uns lieben ihre Hypothesen, und es ist eine zwar schmerzhafte, aber jung und gesund erhaltende Turnübung, täglich, gewissermaßen als Frühsport, eine Lieblingshypothese über Bord zu werfen. Lorenz<br /><br />Geheimnisvoll am lichten Tag lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben. Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben. [...] Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist, leider, nie die Frage. Goethe<br /><br />Im allgemeinen sind geistige Güter ebenso kostspielig wie materielle Annehmlichkeiten und von wirtschaftlichen Bedingungen ebenso abhängig. Die Wissenschaft braucht Bibliotheken, Laboratorien, Teleskope, Mikroskope und so fort, und die Wissenschaftler müssen von der Arbeit anderer leben. Der Mystiker jedoch hält all das für Torheit. Der indische oder tibetanische Heilige braucht keine Apparate; er trägt nur einen Lendenschurz, nährt sich ausschließlich von Reis... Russel<br /><br />Aus den von Oberdenker gesammelten Zitaten:<br /><br />Ein Frosch, der im Brunnen lebt, beurteilt das Ausmaß des Himmels nach dem Brunnenrand. Aus der Mongolei<br /><br />Die Angst vor dem Tod hält uns nicht vom Sterben, sondern vom Leben ab. [...] Man muss leben, ohne den Tod zu fürchten, und sterben, wenn deine Zeit gekommen ist. Keiner ist wirklich frei, bevor er nicht den Tod ins Auge gefasst hat. Hemingway<br /><br />Du hättest recht, wenn die Dummheit eine Geistesschwäche wäre, leider ist sie aber eine furchtbare Stärke, sie ist ein Fels, der unerschütterlich dasteht, wenn auch ein Meer von Vernunft ihm seine Wogen an die Stirne schleudert. Nestroy<br /><br />Aus dem Gesammelten zum Thema (Un)Glaube, Punkt Thomasevangelium:<br /><br />Wenn die, die euch führen, euch sagen: seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. [...] Der alte Mensch wird nicht zögern in seinem Alter, ein kleines Kind von sieben Tagen zu befragen über den Ort des Lebens, und er wird leben. [...] Erkenne das, was vor dir ist, und das, was vor dir verborgen ist, wird dir enthüllt werden; denn es gibt nichts Verborgenes, was nicht offenbar werden wird. [...] Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, siehst du nicht. Wenn du den Balken aus deinem Auge gezogen hast, dann wirst du (klar) sehen; um den Splitter aus deines Bruders Auge zu ziehen. [...] Sorgt euch nicht vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen, mit was ihr euch bekleiden werdet. [...] Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden; und wer einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig. [...] Wer das All erkennt, sich selbst (aber) verfehlt, der verfehlt das All. [...] Herr, es sind viele um den Brunnen, aber keiner ist in dem Brunnen. [...] Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Jesus<br /><br />Aus dem gesammelten Anstößigen:<br /><br />Nietzsche: Von den Fliegen des Marktes (oder: Wider die Masse, Anm.)<br /><br />Aus dem Gesammelten zum Thema Arbeitsamkeit:<br /><br />Darum sage ich euch: Machet euch keine Sorgen wegen eures Lebensunterhaltes, noch auch wegen der für den Körper nötigen Kleidung. Ist nicht das Leben wertvoller als die Nahrung und der Körper wertvoller als die Kleidung? [26] Sehet euch die Vögel des Himmels an! Sie säen nicht und ernten nicht und speichern keine Vorräte auf. Und doch gibt ihnen euer himmlischer Vater ihre Nahrung. Seid ihr denn nicht ebensoviel wert als sie? [27] Wer von euch ist imstande, mit all seinen Sorgen die für ihn festgesetzte Lebenszeit auch nur um eine Spanne zu verlängern? [28] Und warum macht ihr euch um die Kleidung Sorgen? Betrachtet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht und spinnen nicht; [29] und doch kann ich euch sagen, dass Salomo in seiner vollen Pracht nicht so herrlich gekleidet gewesen, wie eine von ihnen. [30] Wenn nun Gott die Blume auf dem Felde, die heute blüht und morgen in den Ofen geworfen wird, so herrlich kleidet, wird er das nicht in gleicher Weise bei euch tun, ihr Kleingläubigen? [31] Darum sollt ihr nicht sorgenvollen Herzens fragen: Was sollen wir essen? oder: Was sollen wir trinken? oder: Was sollen wir anziehen? [32] Das alles sind Dinge, um die sich nur diejenigen aufregen, die keinen Glauben und kein Gottvertrauen besitzen. Euer himmlischer Vater weiß doch, dass ihr das alles nötig habt. [33] Strebet also zuerst danach, auf den Weg zu Gott zu kommen und das zu tun, was ihm wohlgefällig ist. Dann wird euch alles andere als Zugabe dazu gewährt werden. Jesus<br /><br /><p><b><a href="mailto:empfaenger@irgendwo.org?subject=Mir%20gefallende%20Zitate&amp;body=Zitate%20kopieren%20und%20hier%20einf%C3%BCgen.%20Anders%20derzeit%20technisch%20leider%20nicht%20m%C3%B6glich.%20Hinweis%20auf%20Entdecker%20bzw.%20Herkunft%20der%20Zitate:%20%09%09%09%09%09%09ZEITLOS%20AKTUELLES%20auf%20http://www.diedenker.org%20-%20it%27s%20all%20just%20natural">Zitate per eMail auf die Reise schicken</a></b></p><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-6727747062541350617?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1150122952996288332006-06-12T16:33:00.000+02:002006-06-12T17:08:06.850+02:00Zum Zusammenhang von Glück und Tugend...eine Textstelle von Thomas Mann: "Ich war sehr glücklich. Ich war mir kostbar und liebte mich - auf jene gesellschaftlich nur ersprießliche Art, welche die Liebe zu sich selbst als Liebenswürdigkeit gegen andere nach außen schlagen lässt." (in: <a href="http://www.diedenker.org/markt/suche" target="_blank"><em>Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull</em></a>, <em>Drittes Buch</em>, <em>Fünftes Kapitel</em>, 2. Absatz)<br /><br />...und eine von Cervantes: "Aufgrund des mir von Gott verliehenen natürlichen Verständnisses weiß ich, dass alles Schöne liebenswert ist." (Aus einer Rede der wunderschönen Marcela in: <a href="http://www.diedenker.org/markt/suche" target="_blank"><em>El Ingenioso Hidalgo don Quijote de la Mancha</em></a>, Kapitel XIV, übersetzt aus dem Spanischen von <em>ob</em>)<br /><br />Neu angebracht bei den Themen Philosophie/Glück und Soziales.<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-115012295299628833?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1148731389003772532006-05-27T14:00:00.000+02:002006-05-27T14:03:09.013+02:00Pro-Hierarchisches bzw. Contra-Egalitäres von Thomas MannAus einer schmeichelhaften Rede des <em>Felix Krull</em> (deren geistreich formulierte Inhalte wahrscheinlich weder von diesem fiktiven Charakter noch von dessen Erschaffer sehr ernst gemeint sein werden) an den König von Portugal: "'... Es ist mir nicht unbekannt, dass es auch hier ... nicht an Elementen fehlt, - Elementen, die sich die radikalen nennen, wohl weil sie wie Wühlmäuse an den Wurzeln der Gesellschaft nagen, - abscheulichen Elementen, wenn ich meinen Gefühlen gegen sie einen immerhin gemäßigten Ausdruck geben darf, denen jedes Embarrassement, jedes politische oder finanzielle Ennui des Staates gerade recht ist, um für ihre Umtriebe Kapital daraus zu schlagen. Sie nennen sich die Männer des Volkes, obgleich ihre einzige Beziehung zum Volke darin besteht, dass sie dessen gesunde Instinkte zersetzen und es, zu seinem Unglück, seines natürlichen Glaubens an die Notwendigkeit einer wohlgestuften Gesellschaftsordnung berauben. Wodurch? Indem sie ihm die ganz und gar widernatürliche und darum auch volksfremde Idee der Gleichheit einimpfen und es durch ein plattes Rednertum zu dem Wahn verführen, es sei notwendig oder auch nur im geringsten wünschenswert - von der Möglichkeit ganz zu schweigen -, die Unterschiede der Geburt, des Geblütes, die Unterschiede von Reich und Arm, Vornehm und Gering einzuebnen, - Unterschiede, zu deren ewiger Erhaltung die Natur sich mit der Schönheit verbindet. Der in Lumpen gehüllte Bettler leistet durch sein Dasein denselben Beitrag zum farbigen Bilde der Welt wie der große Herr, der die demütig ausgestreckte Hand, deren Berührung er allerdings tunlichst vermeidet, ein Almosen legt, - und, Ew. Majestät, der Bettler weiß es; er ist sich der sonderlichen Würde bewusst, welche die Weltordnung ihm zuerteilt, und will im tiefsten Herzen nichts anders, als es ist. Die Aufwiegelung durch Übelgesinnte ist nötig, ihn an seiner malerischen Rolle irrezumachen und ihm die empörerische Schrulle in den Kopf zu setzen, die Menschen müssten gleich sein. Der Mensch kommt mit aristokratischen Sinnen zur Welt. Das ist, so jung ich bin, meine Erfahrung. ... Schöne Volksfreunde wahrhaftig, die dem Grob- und Niedriggeborenen die Freude nehmen an dem, was über ihm ist, an dem Reichtum, den edlen Sitten und Formen der oberen Gesellschaftsschicht, und diese Freude in Neid, Begehrlichkeit, Aufsässigkeit verwandeln! Die die Masse der Religion berauben, welche sie in frommen und glücklichen Schranken hält, und ihr dazu vorspiegeln, mit der Änderung der Staatsform sei es getan, die Monarchie müsse fallen und durch Errichtung der Republik werde die Natur des Menschen sich ändern und Glück und Gleichheit herbeigezaubert werden ...' ... [König:] '... Sie erwähnten die zündelnde Rhetorik der Demagogen, ihre gefährliche Beschwatzungskunst. In der Tat und unglücklicherweise trifft man die Gewandtheit des Wortes ganz vorwiegend bei solchen Leuten, Advokaten, ehrgeizigen Politikern, Aposteln des Liberalismus und Feinden der bestehenden Ordnung an. Das Bestehende findet selten Befürworter von Geist. Es ist eine Ausnahmen und sehr wohltuend, einmal zugunsten der guten Sache gut und gewinnend sprechen zu hören.'" (Aus: <a href="http://www.diedenker.org/markt/suche" target="_blank">"Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"</a>, <em>Drittes Buch</em>, <em>Neuntes Kapitel</em>, bzw. S. 262f in der Fischer Ausgabe von 1970)<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-114873138900377253?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1145970577431472962006-04-25T15:05:00.000+02:002006-04-25T15:19:34.320+02:00Zur "goldenen Mitte"<p>Der Philologe O.Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle merkte in einer Vorlesung zum Thema Glück ("Was ist Glück? Antike Konzepte zu gelingendem Leben") im Herbst 2005 zur <i>Mesoslehre</i> (Mesos...Mitte) von Aristoteles an, dass diese weniger mit eher negativ besetzter Mittelmäßigkeit (<i>mediocritas</i>), sondern eher mit der "goldenen Mitte" (aus der Populärphilosophie, Horaz; weil <i>aurea mediocritas</i> - von Aristoteles verwendet? - und <i>aurea</i> ist positiv besetzt) assoziiert werden sollte. Aristoteles meinte z.B., dass Triebe nur schlecht sind, wenn sie einseitig sind, man sie in einer Mittellage halten muss, womit sie dann angebracht und gut sind. Schlecht sind bspw. Feigheit und Tollkühnheit, gut Tapferkeit. Oder auch Fresssucht und Magersucht können als schlecht weil <i>extrem</i> gesehen werden. Hingegen müsse der Mensch seinen Affekten Raum geben (z.B. dem sexuellen oder Esstrieb), weil sonst seine Gattung ausstirbt. Und auch Zorn und der Aggressionstrieb dienen bspw. zur Abwehr von Gefahren, zum Schutz... (Genauso haben Emotionen - soviel ich weiß - die evolutionär gesehen wichtige Funktion, schnelle und gleichzeitig - dank der Erfahrung, auf welcher sie beruhen und welche sie widerspiegeln - gute Entscheidungen zu ermöglichen, scheinen aber in vielen Fällen der Kontrolle bzw. <i>Mäßigung</i> durch die Vernunft zu bedürfen, Anm. <i>ob</i>) Aristoteles sei ein Philosoph der Mitte (kein Extremist), was unter anderem sein (philosophisches, wissenschaftliches?) Vorgehen (die Analyse) zeigt. (Ende der recht freien Wiedergabe der Ausführungen des Professors)</p><p>Was kann man aus diesen Ausführungen lernen? Vielleicht, dass es besser ist, sich vielseitig als einseitig zu beschäftigen, sich unterschiedlichen Dingen zu widmen als sich auf etwas zu spezialisieren, ... Als Vertreter einer ähnlichen Ansicht könnte man die ökonomische Kosten/Nutzen-Analyse anfügen (des weiteren natürlich auch bspw. generell die wissenschaftliche, pro-objektive Abwägung von Vor- und Nachteilen bzw. Beleuchtung möglichst aller Seiten einer Sache). Diese drückt normalerweise aus, dass der Grenznutzen eines Gutes (der aus einer zusätzlichen Einheit eines Gutes erwachsende Nutzen) mit dessen Menge sinkt und die Grenzkosten im Gegenzug steigen und sieht abgebildet meist so aus:<br /><br /><img src="http://www.diedenker.org/img/kosten-nutzen-analyse.gif" border="0" /><br /><br />Die optimale Menge liegt im Schnittpunkt (projiziert auf die Mengenachse) von Grenzkosten und Grenznutzen. (Die Kurven könnten natürlich auch gekrümmt, gewellt, ungleichmäßiger, in gewissen Fällen vertauscht, etc. sein) Denn würde die Menge darüber liegen, würden die Kosten der (Erstellung oder Nutzung der) zusätzlichen Einheit(en) über dem daraus entstehenden Nutzen liegen. Würde sie darunter liegen, verhält es sich genau umgekehrt, das heißt der Nutzen der (Erstellung oder Nutzung der) zusätzlichen Einheit(en) liegt über deren Kosten. (Dieses Modell ist natürlich schwer objektivierbar - Nutzen kann bislang nicht wissenschaftlich anerkannterweise gemessen, "kardinalisiert" werden und wird deshalb in der ökonomischen Theorie nur ordinal verwendet -, wird aber von Ökonomen dennoch oft als Rechtfertigung für politische oder wirtschaftliche Maßnahmen herangezogen, z.B. indem sie Kosten und Nutzen auf finanzielle Werte reduzieren, was aber vor allem bei der Bewertung von nicht im Markt handelbaren Gütern wie z.B. saubere Luft zu gröberen Verletzungen der von ihnen selbst postulierten <i>Konsumentensouveränität</i> führt.) Als praktisches Beispiel für eine solche Kosten/Nutzen-Struktur könnte man eine sportliche Aktivität nennen: normalerweise wird sie ab einem gewissen Ausmaß einfach langweilig oder die Opportunitätskosten (versäumte Arbeit, Gesundheitsschäden, usw.) steigen. Andererseits könnte sie aber auch erst ab einem gewissen Ausmaß "rentabel" werden und dann immer noch rentabler: man denke an Spitzensportler. Erfahrungsgemäß werden diese im Laufe der Zeit aber auch mit größeren Problemen (Kosten) konfrontiert (körperliche Schäden, Sinnkrisen, o.ä.) und machen allgemein "extreme", "fanatische" Menschen meist keinen sehr glücklichen Eindruck. Hingegen könnte eine gute Mischung aus z.B. geistiger Aktivität wie Lesen und körperlicher Aktivität wie Bergsteigen (genannten Theorien und u.U. auch der Erfahrung nach) eher ein Ergebnis in der Nähe des theoretischen Optimums hervorbringen. Man beobachte die Nutzenzuwächse bei seinen täglichen Aktivitäten: zumeist werden diese am Anfang der Aktivitäten am größten sein ... (Text angebracht bei den Themen Philosophie/Glück und System und aufgrund seines nicht unwesentlichen Beitrags zu diesem Beitrag auch bei ob´s themenspezifischen Meinungen)</p><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-114597057743147296?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com1tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1143808829793080192006-03-31T14:39:00.000+02:002006-04-05T20:53:32.696+02:00Zu den Gemeinsamkeiten von Islam und ChristentumEin Beitrag, der u.a. die tolerante Seite des Islam v.a. gegenüber dem Christentum bzw. dessen enge Verschränkung damit aufzeigen soll. „Von den späteren Propheten sind namentlich diejenigen von Bedeutung, die später in Buchform auf uns gekommen sind, wie Moses, David und Jesus, gelten doch die Thora, der Psalter und das Evangelium als durch den Engel Gabriel übermittelte heilige Schriften. … Propheten, Märtyrer und Glaubenskämpfer und andere bevorrechtigte Personen können jedoch nach einer verbreiteten Anschauung sofort nach dem Tode in die himmlischen Gärten eingehen. Märtyrer sollen in den Kröpfen von grünen Vögeln, die die Freuden und Wasser des Paradieses genießen, die Auferstehung erwarten. Diese Anschauungen sind aber nicht allgemein verbreitet. … Das herannahende Weltende kündigt sich dadurch an, dass die allgemeinen Zeitverhältnisse immer schlechter werden und das islamische Gesetz nicht beachtet wird. Durch das Auftreten eines „Mahdî“ (d.h. von Gott „Geleiteten“) wird dann zwar vorübergehend die Rechtsordnung des Goldenen Zeitalters des Kalifen wiederhergestellt und die Macht des Unglaubens zurückgedrängt, auf die Dauer lässt sich der Verfall aber nicht aufhalten. Denn es tritt ein Antichrist al Dajjâl auf, der viele in die Irre führt, ein apokalyptisches Tier erscheint, und die kriegerischen Völker Gog und Magog richten große Verheerungen an. Rettung bringt die Wiederkunft Christi: `Isâ (Jesus), der nach seiner Himmelfahrt im Himmel geweilt hatte, steigt herab und tötet den Antichrist mit seiner Lanze, vernichtet Gog und Magog und richtet für eine Reihe von Jahren sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit auf. ‚…Christus wird den Islam annehmen, heiraten, Kinder erzeugen, das islamische Gebet verrichten, alle Schweine schlachten und dann die Kopfsteuer der Nichtmuslime aufheben…’ Vierzig Jahre wird Jesus auf Erden bleiben, dann wird er sterben und in Medina neben Mohammed beigesetzt werden. … Die Guten gelangen für immer in das Paradies, wo kühle Ströme fließen und herrliche Fruchtbäume wachsen. Sie trinken dort nichtberauschenden Wein und erfreuen sich an Jungfrauen mit schwellenden Brüsten (Q 78,33), den sogenannten Hûris, die niemand zuvor berührte (Q 55,72). … Mit den Heiden soll so lange gekämpft werden, bis sie den Islam angenommen haben, die „Schriftbesitzer“, d.h. Juden und Christen, dürfen jedoch, wenn sie sich unterworfen haben, ihre Religion weiter ausüben, wenn sie eine Kopfsteuer bezahlen… Der kämpferische Charakter des Islam zeigt sich vor allem im Gebot des heiligen Krieges, der der Ausbreitung der Religion des Propheten dienen soll. Hierin wie in vielem anderen offenbart sich die Tatsache, dass der Islam nicht nur als eine religiöse, sondern auch als eine politische Erscheinung zu werten ist. Mohammed hat nicht nur eine Glaubensbewegung und eine religiöse Gemeinde, sondern auch ein Staatswesen geschaffen, und wenn nach dem Tode des „Gesandten Gottes“ auch das von ihm aufgestellte Ideal einer unlöslichen Verbindung der Religion mit dem arabischen Staat in der Praxis vielfach nicht aufrechterhalten werden konnte, so ist das Postulat doch bis heute lebendig geblieben. … Die verschiedenen Richtungen innerhalb des Islam haben sich auch häufig in blutiger Weise bekämpft. Im allgemeinen aber ist der Mohammedaner toleranter als der Christ. … ‚…tatsächlich ist der Islam im Laufe der Zeit der Ausschließung von Personen oder Gruppen wegen Lehrunterschieden immer mehr abgeneigt geworden.’ Wie in anderen Religionen fehlt es auch im Islam nicht an Denkern, welche in den anderen Religionen gleichberechtigte Gestaltungen menschlichen Glaubens erblicken. (<a href="http://www.diedenker.org/markt/suche/isbn/3424013331" target="_blank">„Die fünf Weltreligionen – Hinduismus, Buddhismus, Chinesischer Universismus, Christentum, Islam“, Helmuth von Glasenapp, 1996 [1963], Diederichs Gelbe Reihe</a>, S. 394-409. Speziell in „neo-religiösen“ Zeiten wie diesen würde sich ein Blick in dieses immer noch aktuelle Buch lohnen – v.a. aufgrund der darin enthaltenen verbindenden Betrachtungen.)<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-114380882979308019?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1139307649756801842006-02-07T11:17:00.000+01:002006-02-24T14:41:28.366+01:00Die gute Seite der Arbeitslosigkeit<p>Auszüge aus einem auch von Radio <i>Österreich 1</i> in einer Sendung über die "Zukunft der Arbeit" am 17.1.2006 ausführlich zitierten und gelobten Artikel aus dem Wirtschaftsmagazin <i>brand eins</i>:<br /><br />"... Automation und Fortschritt, Wissensarbeit und Kapitalismus vernichten Arbeitsplätze. Und das ist gut so. ..." (brand eins 7/05, S. 50)<br />"... Jobs gibt es keine und auch nichts zu tun, was für irgendjemanden Sinn ergeben könnte. ..." (brand eins 7/05, S. 50)<br />"... All das spielt, wie gesagt, nicht in einer Irrenanstalt, sondern in Deutschland. ..." (brand eins 7/05, S. 51)<br />"... Was kostet es, haben zu wollen, was es nicht mehr gibt? In Eidelstedt und anderswo ist der Preis klar: die Würde. ..." (brand eins 7/05, S. 51)<br />"... Die drei Jungenten sind gewiss nicht faul. Aber sie kennen den Unterschied zwischen Arbeit und Tätigkeit, zwischen sturer Routine und kreativem Problemlösen. ..." (brand eins 7/05, S. 51)<br />"... Zu keinem Zeitpunkt des Industriekapitalismus, der seit fast zwei Jahrhunderten währt und der ohne Zweifel die meisten Beschäftigten aller Zeiten generierte, gab es so etwas Ähnliches wie Vollbeschäftigung für mehr als einige kurze, außergewöhnliche Jahre. Was die Arbeitswütigen meinen, umschreibt den Zeitraum von Anfang der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das ist die Zeit, die bis heute als unverrückbares Ziel dieser Gesellschaft beschworen wird: das deutsche Wirtschaftswunder. Es stützt sich allerdings auf 60 Millionen Tote, die Opferzahl des Zweiten Weltkriegs. ..." (brand eins 7/05, S. 51)<br />"... In der Welt der Arbeit ist nichts, wie es scheint. Arbeit, genauer: Erwerbsarbeit, galt den antiken Denkern als so ziemlich das Letzte. Man unterschied, wie heute wieder, Arbeit und Tätigkeit. Das eine sicherte die nackte Existenz und entsprang immer den Notwendigkeiten. Das andere hingegen beschrieb, was Menschen gern und freiwillig tun, selbst dann, wenn es besonderer Leistungen und Anstrengungen bedurfte. Bei den alten Germanen wurde das Wort für Knecht und Arbeit schließlich eins: orbu. Das englische Wort Labour hat seinen Ursprung im lateinischen labor. Labor heißt: Mühe. ..." (brand eins 7/05, S. 52)<br />"... Im Mittelalter gab es wenigstens 50 strikt arbeitsfreie Tage im Jahr. Anstrengenden Arbeitsphasen, etwa in der Erntezeit, folgten längere Abschnitte, in denen nur wenig gearbeitet wurde. ..." (brand eins 7/05, S. 52)<br />"... Das Ziel jeder Produktivitätssteigerung ist es, mehr Ergebnis mit weniger Aufwand zu erzeugen, von den Physikern auch Arbeit genannt. Automation ist die Folge intensiven Nachdenkens. Die logische Folge: Je mehr Kopfarbeiter schuften, desto weniger bleibt für Handarbeiter übrig. Das liegt daran, dass Kopf- oder Wissensarbeiter nahezu immer darüber nachdenken, welche Prozesse in der Entwicklung oder Produktion verbessert werden können. ..." (brand eins 7/05, S. 53)<br />"... Während also, ganz nach Plan, die alte Plackerei durch Technik, Fortschritt und Wissensarbeit beendet wird, haben all jene, die sich nicht mehr plagen müssen, ständig ein schlechtes Gewissen. ..." (brand eins 7/05, S. 53)<br />"... Und die Konsequenz daraus, dass mit Arbeit künftig kein Staat mehr zu machen ist, wird vom Establishment geleugnet. ..." (brand eins 7/05, S. 53)<br />"... Schlimm ist die aktuelle Lage nur, weil wir sie immer nur von einer Seite sehen: Ohne Erwerbsarbeit ist der Mensch kein Mensch. Dabei ist das Fiasko der Arbeitsgesellschaft nichts weiter als der Erfolg des Kapitalismus. Seine Fähigkeit, mit immer weniger Leistung immer bessere Ergebnisse zu erzielen, schafft Arbeitslosigkeit. Von Übel ist das nur, weil wir unsere wirklichen Siege nicht wahrnehmen. ..." (brand eins 7/05, S. 54)<br />"... Die Kräfte, die sich am Vollerwerbsmodell festkrallen, rechnen mit Wundern. Umverteilung der Arbeit soll das Schlimmste verhindern. Das ist schon oberflächlich betrachtet grober Unfug. Selbst in längst vergangenen Zeiten, als die meisten Menschen nur stupide, leicht einstudierbare Arbeit in Fabriken leisteten, ließ sich das kaum realisieren. Wenn Arbeit aber vor allem geistige Tätigkeit ist, also Wissensarbeit – wie sollte Umverteilung dann funktionieren? Durch Gehirntransplantationen? ..." (brand eins 7/05, S. 54)<br />"... Bereits vor einem guten Jahrhundert war diese Entwicklung absehbar und eine Lösungsidee auf dem Tisch. Im Jahr 1912 erschien ein Buch des österreichischen Ingenieurs und Schriftstellers Joseph Popper-Lynkeus, der unter den Intellektuellen aller Nationen für Furore sorgte. In mehr als 30 Sprachen übersetzt, formulierte Popper-Lynkeus darin seine Theorie von der „Allgemeinen Nährpflicht“, die nichts anderes besagt, als dass Teile der durch Automation erzielten Produktivitätsgewinne zu einer Grundsicherung aller Staatsbürger führen müssten. Die Idee eines an keine Bedingungen geknüpften Grundeinkommens, das mit minimalem bürokratischem Aufwand verteilt und zur Vermeidung der elementarsten Existenzsorgen dienen sollte, faszinierte etwa Albert Einstein, der im „Recht auf Arbeit“ nichts anderes erkennen konnte als das „Recht auf Zuchthaus“. ..." (brand eins 7/05, S. 54)<br />"... Ökonomen und Sozialwissenschaftler plädieren seit Jahrzehnten dafür, die vorhersehbaren Folgen der ausklingenden Arbeitsgesellschaft durch ein Grundeinkommen für alle Bürger abzufedern. Der Unterschied zur Sozialhilfe und ihre vielfältigen Erscheinungsformen ist einfach: Ein Grundeinkommen, auch Bürgergeld genannt, wird ohne Prüfung, bedingungslos sozusagen, jedem Staatsbürger zuerkannt. Es dient der Sicherung der Existenz. Es wird bezahlt wie ein Gehalt und ersetzt in fast allen bekannten Modellen die Vielzahl öffentlicher Almosen, die den Sozialstaat heute so heillos überfrachten. ..." (brand eins 7/05, S. 55)<br />"... Langsam sei die Voraussetzung geschaffen, dass sich die Energie verzehrenden Existenzängste und Nöte der Menschen in positive Bahnen lenken lassen: „Die Arbeitslosigkeit ist das Resultat eines riesigen Erfolges – des gelungenen Projektes, mit immer weniger Arbeit immer mehr zu produzieren. ... Der Druck, der auf Jugendlichen lastet, ist der Feind jedes Wagnisses. Die werden von allen Seiten angelabert, dass sie sich einen der wenigen noch verfügbaren Vollerwerbs-Arbeitsplätze erkämpfen sollen. Deshalb riskieren sie nichts. Sie haben Angst, unter die Räder zu kommen.“ ..." (brand eins 7/05, S. 56)<br />"... „Das kriegen die Leute kulturell nicht geregelt“, sagt er. Kein Zweifel: Nolte hält das Gros der Bevölkerung für faul und willenlos. Die Masse entwickle Engagement bestenfalls darin zu fordern – stets Neues und immer mehr. Druck und Zwang, meint Nolte, blieben zuverlässige Gesellen beim Aufbau eines neuen Wertekanons einer künftigen Erwerbsgesellschaft. Dazu gehört die Bereitschaft, in den vorhandenen Rahmen zu denken und zu parieren: „Die Formel 8-8-8 hat sich historisch enorm bewährt.“ Paul Nolte redet nicht über Kabbalistik oder esoterischen Zahlenzauber, sondern über die klassische Zeiteinteilung der Industriegesellschaft, der ordentlichen Welt von gestern. Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden pennen. Und dann wieder von vorn. Für Nolte ist das „eine anthropologisch logische Sache“. ..." (brand eins 7/05, S. 56)<br />"... Der Historiker steht mit dieser Meinung einer wachsenden Zahl von Ökonomen gegenüber, die im Konsum nicht das Problem, sondern die Lösung der Krise sehen. Genauer: in der höheren Besteuerung von Konsum aller Art. ..." (brand eins 7/05, S. 57)<br />"... Peter Glotz, der in den achtziger Jahren zu den schärfsten Kritikern eines bedingungslosen Grundeinkommens zählte, hat inzwischen Zweifel: „Ich weiß wirklich nicht, wie man ein Grundeinkommen, das den Namen auch verdient, finanzieren sollte. ..." Heute sieht er die Sache anders: „Kein Mensch würde nur auf die Grundsicherung vertrauen. Die würden schon weiterhin was tun.“ Doch ein Problem sei geblieben: „Keine Partei findet das gut. Denn an der Arbeit hängt auch die Macht der Parteien und Organisationen.“ Das Gerede von der Arbeit als einzigem Sinnstifter unserer Existenz ist ein „Herrschaftsinstrument“, wie Ralf Dahrendorf schon vor mehr als zwei Jahrzehnten erkannte: Nicht um die Arbeit gehe es den Machthabern, sondern um sich selbst, um die Möglichkeit, den Reichtum der Bürger so zu verteilen, wie es ihnen passt. Deshalb sind die Mächtigen um die Arbeit besorgt, sagt Dahrendorf: „Wenn sie ausgeht, verlieren die Herren der Arbeitsgesellschaft das Fundament ihrer Macht.“ ..." (brand eins 7/05, S. 57)<br />"... „Wenn wir so weitermachen, treiben wir das untere Drittel der Gesellschaft in Kriminalität und Chaos. Das wird vor allem auch für die ungemütlich, die etwas besitzen. Wollen wir die Leute, die in zehn, zwanzig Jahren bei Siemens arbeiten, mit Polizeischutz zur Arbeit bringen, damit sie nicht ausgeraubt werden?“ Es gehe vor allem auch um die Rechte der anderen. Das wichtigste Argument für ein Grundeinkommen ist nicht moralischer Natur – es ist schierer Egoismus, der Wille derer, die vorankommen wollen. Deshalb sprechen sich heute vor allem Marktbefürworter für ein Grundeinkommen aus: Es passt zum Kapitalismus. Es ist gut für den Markt. ..." (brand eins 7/05, S. 58)<br />"... „Vieles in der Debatte um ein Grundeinkommen ist einfach zu moralisierend. Natürlich hat niemand ein Recht darauf – woher sollte das auch kommen? Es geht mir um andere Fragen: Was nützt ein Grundeinkommen denen, die noch in der Erwerbstätigkeit sind, und was nützt es Unternehmen?“ Die nahe liegendste Antwort ist: eine weit billigere Sozialbürokratie als heute, bei der die Kosten für die Verwaltung zuweilen die der ausgezahlten Mittel übertreffen. Darüber hinaus könnte ein Grundeinkommen dafür sorgen, dass aus Mc-Jobs und Gelegenheitsarbeiten ganz normale, durchaus sozialverträgliche Tätigkeiten werden können. ..." (brand eins 7/05, S. 58)<br />"... Unser ökonomisches System ist ausgezeichnet für eine effiziente Produktion geeignet, für das Schaffen technischen Fortschritts, der allen nützt. Das Verteilungsproblem aber kann es weniger gut lösen. Der Markt und das Soziale gehören zusammen, als sich ergänzende Systeme, die man nicht vermischen sollte.“ Ein System entlastet ein anderes, von dem es letztlich lebt: „Die, die leistungsfähig sind, können sich voll und ganz auf ihre Leistung konzentrieren. Die Grundeinkommens- Bezieher wiederum müssen nicht einer Vielzahl an Unterstützungen hinterherlaufen, sondern können sich, wenn sie wollen, auf einen Arbeitsmarkt begeben, der diesen Namen verdient.“ Mehr Effizienz hilft aber vor allem, das Überleben jenes Faktors zu sichern, der im Sozialen eine so große Rolle spielt: der Moral. ..." (brand eins 7/05, S. 58)<br />"... Bleibt die Frage, was das kostet. Selbst wenn man nur das heute gesetzlich festgelegte Existenzminimum – 7664 Euro pro Jahr und Kopf – als Mindesteinkommen garantierte, machte das für 82 Millionen Bundesbürger die gewaltige Summe von 620 Milliarden Euro aus: rund 200 Milliarden mehr, als der Staat an Steuereinnahmen zusammenkratzt. Auf den ersten Blick scheint das vollkommen unfinanzierbar. Doch die gesamten Sozialausgaben der Bundesrepublik betragen bereits heute jährlich mehr als 720 Milliarden Euro. Zieht man davon die Aufwendungen für die Krankenversicherung ab, verbleiben 580 Milliarden Euro für Leistungen, die ein Grundeinkommen langfristig ersetzen könnte. ..." (brand eins 7/05, S. 59)<br />"... Wie verrückt dieses Dogma ist, wussten nicht nur Tick, Trick und Track. Schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts schrieb ein gewisser Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, ein kleines, kluges Buch über „Das Recht auf Faulheit“. ..." (brand eins 7/05, S. 59)<br />"... Der britische Mathematiker Bertrand Russell greift, fast 70 Jahre nach Lafargues Tod, in seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ die Gedanken des Marx-Schwiegersohns auf. ..." (brand eins 7/05, S. 59)<br /><br />Quelle: Lotter, Wolf (2005), <a href="http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=1763&MenuID=130&amp;MagID=65&sid=su13823212295202986" target="_blank">"Der Lohn der Angst"</a>, in:<i> <a class="red" href="http://www.brandeins.de" target="_blank">brand eins</a></i>, <a href="http://www.brandeins.de/home/inhalte.asp?MenuID=130&amp;amp;amp;amp;MagID=65&amp;sid=su13823212295202986" target="_blank">7</a> (Titel: "Nie wieder Vollbeschäftigung!", Schwerpunkt: Arbeit), S. 50-59.</p><p>Neu hinzugefügt zu den Themen Kapitalismus und Arbeitsamkeit.</p><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-113930764975680184?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1135874911241558602005-12-29T17:40:00.000+01:002005-12-29T17:48:31.253+01:00Pro und contra Umverteilung...von u.a. zwei Nobelpreisträgern.<br /><br />Wider (zuviel) Umverteilung:<br /><br />"Steuern, die zur Finanzierung von Umverteilungsmaßnahmen erhoben werden, bewirken stets Verzerrungen, die die Verteilungsmasse verringern: die Armen mögen infolgedessen zwar einen größeren Teil des Sozialprodukts erhalten, sich aber durch die Umverteilungsbemühungen trotzdem nicht sehr viel besser stellen. Eine wachstumsorientierte Politik dürfte hingegen den Armen einen kleineren Teil des Sozialprodukts zur Verfügung stellen; wächst das Sozialprodukt aber dann erheblich stärker, stellen sich die Armen tatsächlich besser [In der Fußnote dazu: Dies setzt natürlich voraus, dass ihr Wohlstand von der absoluten Höhe ihres Einkommens abhängt und nicht davon, wir groß ihr Konsum im Vergleich zu anderen ist]." (J. Stiglitz* und B. Schönfelder in "Finanzwissenschaft", 1996, Oldenbourg Verlag, S. 749)<br /><br />Pro Umverteilung:<br /><br />"Empirische Untersuchungen lassen .. allerdings den Schluss zu, dass der Schaden, den die Steuern an der Arbeitsmoral der Bürger anrichten, doch eher gering ist. Vielleicht ist in einigen wenigen Gruppen die Arbeits-Angebotskurve möglicherweise sogar rückläufig und zeigt an, dass eine Lohnsteuer die Arbeitsleistung eher anspornt als verringert. ... Das wahrscheinlich potentiell größte Loch im Umverteilungskübel ist die Sparkomponente. Bisweilen hört man auch die Auffassung, hohe Steuersätze würden sich negativ auf das Spar- und Investitionsverhalten auswirken. Nur bieten die gesamtwirtschaftlichen Daten für die USA kaum einen Anhaltspunkt für diese Meinung. ... im Jahr 1973, bei einer angeblich überhöhten Steuersenkung, wurden nach wie vor [1929, als die Bundessteuern sehr niedrig waren] 16 Prozent des BIP gespart und investiert. Und nach den drastischen Steuersenkungen der frühen achtziger Jahre fiel die nationale Sparrate sogar auf das niedrigste Niveau seit der großen Depression. ... Wird hier vielleicht die wirtschaftliche Ethik untergraben? Werden junge Leute von der Aussicht auf hohe Steuern so sehr abgeschreckt, dass sie sich Drogen und Müßiggang zuwenden? ... Staatliche Maßnahmen zur Durchbrechung des Teufelskreises der Armut sind Investitionen, die zwar heute Ressourcen verschlingen, morgen aber die Produktivität heben werden." (Samuelson, Paul A.** und Nordhaus, William D. 1998, Volkswirtschaftslehre, Übersetzung der 15. Auflage, Wien: Ueberreuter, S. 438)<br /><br />* Nobelpreis im Bereich Wirtschaftswissenschaften 2001.<br />** U.a. (ebenfalls) Nobelpreisträger (1970) und wirtschaftlicher Ratgeber von John F. Kennedy. (Vgl. S. 5 in genannter Quelle)<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-113587491124155860?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1135793186262669112005-12-28T18:58:00.000+01:002005-12-28T19:10:14.286+01:006 universelle Tugenden?"...Am Institut für Psychologie an der Universität in Pennsylvania suchte ein Team in den grundlegenden Schriften der großen Religionen und philosophischen Systeme nach den ihnen allen gemeinsamen Tugenden abseits vom Mainstream-Amerika. 'Wir lasen Aristoteles und Plato, Thomas von Aquin und Augustinus, das Alte Testament und den Talmud, Konfuzius, Buddha, Lao Tse, den Samurai-Code, den Koran, Benjamin Franklin und die Upanishaden - insgesamt 200 Tugendkataloge. <strong>Zu unserer Überraschung unterstützten all diese Traditionen - verteilt über 3000 Jahre und die gesamte Erdoberfläche - 6 Tugenden: Weisheit und Wissen, Mut, Liebe und Humanität, Gerechtigkeit, Mäßigung, Spiritualität und Transzendenz.</strong> In Details gab es natürlich Unterschiede', schreibt der Leiter des Teams Martin Seligman (korrekte Schreibweise des Namens nicht garantiert) in seinem von Siegfried Brockert übersetzten Buch <em>Der Glücksfaktor</em>. Was Mut für den Samurai bedeute, unterscheide sich natürlich von dem, was Mut für Plato war, und die Humanität bei Konfuzius sei nicht identisch mit der Caritas bei Thomas von Aquin. ' Aber die Gemeinsamkeiten sind gegeben und für diejenigen unter uns, die als ethische Relativisten aufgewachsen sind, doch sehr erstaunlich. Dies enthüllt den Sinn der Behauptung, der Mensch sei ein <em>moral animal</em>, ein moralisches Lebewesen.' Seligman folgt, wenn er weiter über die Stärken des Charakters schreibt, den Ausführungen des großen Psychoanalytikers Erich Fromm. In den 1970er Jahren erklärte dieser in seinen empirischen Untersuchungen zum Gesellschaftscharakter (= Titel der Schrift?) den Unterschied zwischen einem Verhaltensmerkmal und einem Charakterzug am Beispiel des Muts: 'Mutiges Verhalten lässt sich beschreiben als ein Verhalten, bei dem sich der Mensch in der Verfolgung eines Zieles nicht leicht durch Gefährdung seines Lebens, seiner Gesundheit und Freiheit oder seines Besitzes abschrecken lässt.' Ganz anders sehe es aus, schreibt Fromm, wenn man die oft unbewusste Motivation für mutiges Verhalten betrachte. 'Ein mutiger Mensch kann durch seine Hingabe an ein bestimmtes Ziel oder durch sein Pflichtgefühl motiviert sein.' Meist denke man an diese Motivation, wenn man von Mut als Tugend spreche. ... Ein Mensch kann auch von Eitelkeit, von dem Verlangen nach Anerkennung und Bewunderung motiviert sein. Es sind möglicherweise Selbstmordtendenzen im Spiel und der Verlust des Lebens kann - wenn auch unbewusst - erwünscht sein. Ein Mensch kann auch aus Mangel an Vorstellungskraft mutig sein, der ihn blind macht für Gefahren oder Angst haben, als Feigling angesehen zu werden. ..." (In einem Radiokolleg vom 7.2.05 auf Ö1 über Mut, in dem mich aber besonders die Untersuchung zu den gemeinsamen Tugenden - an sich und deren Ergebnis - interessierte, ob) - auch angebracht beim Thema Philosophie/Glück.<br /><br />Ob nun der Weg zum glücklichen Dasein über eine geringe Anzahl von für alle Menschen gleichen Tugenden führt oder nicht, ist eine andere Frage. Jedenfalls aber erscheinen solche auf das Auffinden gemeinsamer Lösungen bedachte Bestrebungen (aus der Sicht friedliebender Menschen) v.a. in Zeiten wiederstärkeraufkeimender Fremdenfeindlichkeit wie diesen als sehr wünschenswert.<br /><br />Neu angebracht bei den Themen (Un)Glaube und Philosophie/Glück.<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-113579318626266911?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1133611220169637152005-12-03T12:57:00.000+01:002005-12-03T13:06:45.356+01:00Gedanken aus der AntikePro-Soziale:<br /><br />[Sokrates: ] "...Auch dürfen wir unsere Begierden nicht zügellos gewähren lassen und sie zu befriedigen suchen - ein Übel ohne Ende und ein Leben, wie ein Räuber es führt. Denn ein solcher Mensch könnte weder einem anderen Menschen lieb sein noch Gott, weil er zur Gemeinschaft unfähig ist. Wer aber des Gemeingeistes nicht fähig ist, kann auch keine Freundschaft besitzen. Die weisen Männer behaupten ja, Kallikles, dass Himmel und Erde, Götter und Menschen durch die Gemeinschaft und die Freundschaft, durch Ordnung, Besonnenheit und Gerechtigkeit zusammengehalten werden, und dieses Ganze nennen sie deswegen Weltordnung, mein Freund, und nicht Unordnung und Zuchtlosigkeit. ... Du meinst, man müsse darauf ausgehen, mehr als andere zu besitzen; denn du kümmerst dich nicht um die Geometrie." ("Glück durch Tugend: Platon, Georgias, 506c ff., Übers. R. Rufener[? erhätlich als Reclam-Buch?]; von einem kopierten Text in einer universitären Vorlesung 05 über ~ "Antike Glückskonzepte")<br /><br />...zum Glück, Denken allgemein, Krieg und zur Politik:<br /><br />[Sokrates?:] "... Mag dies der Geist oder etwas anderes sein, was seiner Natur nach als das Herrschende und Leitende auftritt und das Schöne und Göttliche zu erkennen vermag, oder sei es selbst göttlich oder das Göttliche in uns: immer wird die seiner eigentümlichen Tugend gemäße Tätigkeit die vollendete Glückseligkeit sein ... Der Geist nämlich ist das beste in uns, und die Objekte des Geistes sind wieder die besten im ganzen Bereich der Erkenntnis. Sodann ist sie die anhaltendste. Anhaltend denken können wir leichter als irgend etwas anderes anhaltend tun. [Dauer = wichtig für das Glück, Anm. des textinterpretierenden Professors] Ferner glauben wir, dass der Glückseligkeit Lust beigemischt sein muss. Nun ist aber unter allen tugendgemäßen Tätigkeiten die der Weisheit zugewandte eingestandenermaßen die genussreichste. Und in der Tat bietet die Philosophie Genüsse von wunderbarer Reinheit und Beständigkeit; natürlich ist aber die Tätigkeit und das Leben noch genußreicher, wenn man schon weiß, als wenn man erst sucht ... Die Glückseligkeit scheint weiterhin in der Muße zu bestehen. Wir opfern unsere Muße, um Muße zu haben, und wir führen Krieg, um in Frieden zu leben. Die praktischen Tugenden äußern ihre Tätigkeit in der Politik oder im Kriege. Die Aktionen auf diesen Gebieten aber dürften sich mit der Muße kaum vertragen, die kriegerische Tätigkeit schon gar nicht ... Aber auch die Politik verträgt sich nicht mit der Muße und verfolgt neben den öffentlichen Angelegenheiten als solchen den Besitz von Macht und Ehren oder die Glückseligkeit für die eigene Person und die Mitbürger als ein Ziel, das von der Politik verschieden ist ... wenn dagegen die betrachtende Tätigkeit des Geistes an Ernst hervorzutragen scheint, und keinen anderen Zweck hat als sich selbst, auch eine eigentümliche Lust in sich schließt, die die Tätigkeit steigert, so sieht man klar, dass in dieser Tätigkeit, soweit es menschenmöglich ist, die Autarkie, die Muße, die Freiheit von Ermüdung und alles, was man sonst noch dem Glückseligen beilegt, sich finden wird. Somit wäre diese die vollendete Glückseligkeit des Menschen, wenn sie auch noch die volle Länge eines Lebens dauert. Denn nichts, was zur Glückseligkeit gehört, darf unvollkommen sein. Aber ein solches Leben ist höher als es dem Menschen als Menschen zukommt. Denn so kann er nicht leben, sofern er Mensch ist, sondern nur sofern er etwas Göttliches in sich hat. So groß aber der Unterschied ist zwischen diesem Göttlichen selbst und dem aus dem Leib und Seele zusammengesetzten Wesen, so groß ist auch der Unterschied zwischen der Tätigkeit, die von diesem Göttlichen ausgeht, und allem sonstigen tugendgemäßen Tun. Ist nun der Geist im Vergleich mit dem Menschen etwas Göttliches, so muss auch das Leben nach dem Geiste im Vergleich mit dem menschlichen Leben göttlich sein." ("Pflege der Weisheit als höchstes Glück", 10. Buch S. 1176a ff [der Nikomadischen Ethik Aristoteles, übersetzt von Gigou? und erhätlich als Reclam Nr. 86?]; von einem kopierten Text in einer universitären Vorlesung 05 über ~ "Antike Glückskonzepte")<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-113361122016963715?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1133195801887968812005-11-28T17:33:00.000+01:002005-12-03T12:53:39.013+01:00Über das Gute am Schlechten, die Heimat und die Bildung<p>"Sie lassen den Kopf hängen, Sie zeigen sich schlaff, und das mit völligem Unrecht. Denn die bunten und lustigen Möglichkeiten des Lebens beginnen so recht erst jenseits jener gründlich aufräumenden Katastrophe, die man treffend als den bürgerlichen Tod bezeichnet, und eine der hoffnungsreichsten Lebenslagen ist die, wenn es uns so schlecht geht, dass es uns nicht mehr schlechter gehen kann."</p><p>"Wie leicht, wie ungeduldig, geringschätzig und unbewegt lässt der ins Weite stürmende Jüngling die kleine Heimat in seinem Rücken, ohne sich nach ihrem Turme, ihren Rebhügeln auch nur einmal umzusehen! Und doch, wie sehr er ihr auch entwachsen sein und ferner entwachsen möge, doch bleibt ihr lächerlich-übervertrautes Bild in den Hintergründen seines Bewusstseins stehen oder taucht nach Jahren tiefer Vergessenheit wunderlich wieder daraus hervor: das Abgeschmackte wird ehrwürdig, der Mensch nimmt unter den Taten, Wirkungen, Erfolgen seines Lebens dort draußen geheime Rücksicht auf jene Kleinwelt, an jedem Wendepunkt, bei jeder Erhöhung seines Daseins fragt er im stillen, was sie wohl dazu sagen werde oder würde, und zwar gerade dann ist dies der Fall, wenn die Heimat sich mißwollend, ungerecht, unverständig gegen den besonderen Jüngling verhielt. Da er von ihr abhing, bot er ihr Trotz; da sie ihn entlassen musste und vielleicht längst vergessen hat, räumt er ihr freiwillig Urteil und<br />Stimme über sein Leben ein. Ja, eines Tages, nach Ablauf vieler für ihn ereignisreicher, veränderungsvoller Jahre, zieht es ihn wohl persönlich an jenen Ausgangspunkt zurück, er widersteht nicht der Versuchung, erkannt oder unerkannt, sich im erlangten fremden und glänzenden Zustande der Beschränktheit zu zeigen und, viel ängstlichen Spott im Herzen, sich an ihrem Staunen zu weiden ..."</p><p>"...mir selbst überlassen, sah ich, ..., wiederum eine längere Warte- und Mußezeit vor mir liegen, wie sie dem höheren Jüngling zu stillem Wachstum so willkommen, so notwendig ist. Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist ein Geschenk der Freiheit und des äußeren Müßigganges; man erringt sie nicht, man atmet sie ein; verborgene Werkzeuge sind ihretwegen Tätig, ein geheimer Fleiß der Sinne und des Geistes, welcher sich mit scheinbar völliger Tagdieberei gar wohl verträgt, wirbt stündlich um ihre Güter, und man kann wohl sagen, dass sie dem Erwählten im Schlafe anfliegt. Denn man muss freilich aus bildsamem Stoffe bestehen, um gebildet werden zu können. Niemand ergreift, was er nicht von Geburt besitzt, und was dir fremd ist, kannst du nicht begehren."</p><p>(Drei vieler gut getroffener Aussagen - scheinbar nicht umsonst ist im Vorwort die Meinung "Es gibt Stellen im Felix Krull, die Anwartschaft auf immerwährende Berühmtheit haben" zu lesen- Thomas Manns in "<a href="../markt/suche" target="_blank">Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull</a>"; die zitierten Textstellen sind nachlesbar auf den Seiten 53f und 56f bzw. im dritten Kapitel des "zweiten Buches" in der Ausgabe der "Fischer Bücherei" von 1970)</p><p>Die Textstellen wurden dem Archiv und dort den Themen Heimat, Philosophie/Glück, Schule und Lehrmethoden und außerdem Oberdenker´s gesammelten Materialen zu Angststörungen u.ä. hinzugefügt.</p><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-113319580188796881?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1128849398385400642005-10-09T10:26:00.000+02:002005-10-09T11:28:53.776+02:00Zur Organisation Europas"Was die Übung der Souveränität betrifft, ist der Unterschied zwischen Föderation und Konföderation fundamental. Die Föderation impliziert eine starke zentrale Macht mit den klassischen Gewalten des Staates. Der föderale Staat überlässt den "governorats", Ländern oder Nationalstaaten nur die Funktionen der Verwaltung und der Anpassung.<br />Im Gegensatz dazu überlässt die Konföderation die komplette Macht dem Staat, welcher der konföderalen Institution punktuell die Macht zur Anwendung bestimmter gemeinsamer Politiken überträgt. Der Staat kontrolliert weiterhin die Abmachungen, welche er mit seinen Verbündeten zu vereinbaren wünscht und ist dafür vor dem Volk verantwortlich. Die Föderation bedingt eine Zugehörigkeit von vornherein, die Konföderation unterstreicht hingegen vor allem die gemeinsamen Interessen. Aber auch wenn gemeinsame Interessen auf europäischer Ebene existieren, so sollten diese nicht mit einer <em>Gemeinschaft der Zugehörigkeit</em>, welche noch nicht existiert, verwechselt werden.<br />Die Völker sollten konsultiert werden. Das gemeinsame Verständnis würde verlangen, dass wir uns, um die positiven Errungenschaften der Union zu erhalten und uns gleichzeitig vor ihrer unvermeidbaren Neigung, sich von der Kontrolle der Völker zu befreien, zu schützen, in Richtung einer Konföderation neuer Art orientieren, hin zu einer "Nationalstaatenunion". Diese politische Union würde die gegenseitige Abhängigkeit mittels etwas anderem als der blinden Gehorsamkeit gegenüber den Befehlen des liberalisierten Marktes <em>organisieren</em>; und es würde mittels der zwischenstaatlichen Methode einige kurz-, mittel- und langfristige, gemeinschaftlich politische Ziele im Dienste der europäischen Völker definieren." (Sami Nair, französischer Politikwissenschaftler und Europaabgeordneter, in: <em>El imperio frente a la diversidad del mundo</em>, 2004, , S. 201f., Barcelona: Debolsillo; übersetzt aus dem Spanischen von <em>ob</em>)<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-112884939838540064?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com2tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1126885012756807222005-09-16T16:37:00.000+02:002005-09-16T17:47:13.406+02:00Ad GlobalisierungDie folgenden Textstellen stammen aus dem Artikel "Die Globalisierung" von Harald Schumann (erschienen im Spiegel, Ausgabe 25/1999, am 19. Juni 1999), welchen ich vor einigen Jahren in einem Soziologiekurs zum Lesen vorgelegt bekam, und dürften <em>fleißigen bzw. älteren </em>MitdenkerInnen bereits vom <a href="http://www.diedenker.org/login.html">Thema Globalisierung</a> bekannt sein. Obwohl sie sich schon einige Jahre auf der Internetpräsenz der <em>Denker</em> befinden, sind natürlich nach wie vor aktuell, weshalb wir die nachfolgenden Textstellen auch neuen MitdenkerInnen nicht vorenthalten wollen.<br /><br />DAS JAHRHUNDERT DES KAPITALISMUS - Die Globalisierung<br /><br />Der Siegeszug des Kapitalismus scheint alle Grenzen niederzureißen. Die Magie des Marktes verspricht der Welt mehr Wohlstand und Sicherheit. Gleichzeitig wachsen die sozialen Spannungen, der Graben zwischen Gewinnern und Verlierern wird tiefer.<br /><br />Auf dem Höhepunkt des Booms erreicht die Marktwirtschaft wahrhaft globale Dimensionen. Der internationale Handel wächst seit Jahren schneller als die Produktion und führt die Nationen immer enger zusammen. Zugleich errichten Unternehmen rund um die Erde eigene Produktions- und Vertriebsnetze und operieren über alle Grenzen hinweg. ... Die Globalisierungswelle unserer Zeit? Weit gefehlt - die dramatische, grenzensprengende Neuordnung der Industriegesellschaft traf auch schon unsere Groß- und Urgroßeltern. Die Phase der national organisierten Volkswirtschaften gehe ihrem Ende entgegen, prophezeite der amerikanische Ökonom Richard Ely, "die nächste Stufe wird die Weltwirtschaft sein". Das war im Jahre 1903. Der Prozeß der Globalisierung, die weltweite Verschmelzung von Märkten und Unternehmen, von Wissen und Kulturen auf dem Wege des Handels mit Waren und Kapital, hatte bereits vor 100 Jahren große Teile der Menschheit erreicht. Bis 1914, schreiben die Wirtschaftshistoriker Kevin O'Rourke und Jeffrey Williamson in ihrem demnächst erscheinenden Buch "Globalization and History", war fast jeder Ort auf der Erde irgendwie mit Auslandsmärkten verbunden: über die Preise für Güter, über ausländisches Kapital in der Infrastruktur, über importierte Produktions- und Geschäftsmethoden. ... Damals bestimmte das Vereinigte Königreich - ganz ähnlich wie heute die USA - die geschäftlichen und monetären Regeln, stellte mit dem Pfund die global akzeptierte Währung, und die Banker der City verwalteten große Teile des Vermögens der Reichen Europas. Sie steckten es in Tausende von geschlossenen Fonds für Minen, Eisenbahnen oder auch öffentliche Kanalsysteme in den aufstrebenden Regionen. Vergleichbar den heutigen Risikokapitalfonds produzierten sie dabei ebenso überragende Erfolge wie spektakuläre Pleiten. ... So durchlebten die Industrieländer in den drei Jahrzehnten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen Entwicklungsschub, der den Umbrüchen des laufenden Jahrzehnts an Wucht in nichts nachsteht. Das 20. Jahrhundert begann so, wie es endet - mit einer weltweiten intensiven Verflechtung der Volkswirtschaften. Aber so verblüffend die Analogien zwischen einst und heute, so groß sind auch die Unterschiede, und so vieldeutig sind die möglichen Schlüsse. Vielen Ökonomen der neoklassischen Schule, die dazu neigen, den Markt als eigentliche Triebkraft der Geschichte anzusehen, scheint die Sache klar: Es gibt nichts Neues im Universum. "Globalisierung ist nur ein neues Wort für einen schon lange währenden Vorgang: die räumliche Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsweise bis an den Rand der Welt", meint etwa Herbert Giersch, der langjährige Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und Doyen der deutschen Wirtschaftswissenschaft. Folglich gehe aller Streit über die Gefahren der globalen Verflechtung fehl. "Der Prozeß der Globalisierung ist im Trend und irreversibel", meint Giersch und weiß sich darin einig mit der wirtschaftlichen Elite Europas und Nordamerikas. "Man sollte sich ihm anpassen und nicht sich ihm widersetzen." Gern berufen sich Giersch und andere Marktgläubige auf Karl Marx und Friedrich Engels, die "recht behalten" hätten. Diese feierten schon in ihrem "Kommunistischen Manifest" die "Vernichtung der uralten Industrien" durch neue, "deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird". Und fasziniert bewunderten sie die so herbeigeführte "ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände", mit der "alle eingerosteten Verhältnisse aufgelöst" würden. Das klingt nicht nur zufällig nach Zitaten aus den Standortreden des Industriepräsidenten Hans-Olaf Henkel, der unter Verweis auf den "Orkan der Globalisierung" gegen die "veralteten Strukturen" und die "Konsenssoße" im deutschen Wohlfahrtsstaat zu Felde zieht. Was Henkel, Giersch und andere Bannerträger des modernen Globalismus mit Marx gemeinsam haben, ist die Vorstellung, es gebe so etwas wie einen vorbestimmten Weg der Entwicklung der Menschheit. Solchem ökonomischen Determinismus kann freilich nur huldigen, wer die Zeit zwischen 1914 und 1973 lediglich als vorübergehende Abweichung vom graden Pfad des Fortschritts abtut. Denn diese sechs Jahrzehnte verbrachte die Menschheit damit, ebendiese grenzensprengende Kraft des Kapitalismus entweder mit Gewalt zu bekämpfen oder in ein Korsett aus Regeln und weltweiten Abkommen zu zwängen. Den Beginn dieser Periode markierte die bis dahin größte Katastrophe der neueren Geschichte: der Erste Weltkrieg. Er läutete, nach einem kurzen Zwischenhoch in den zwanziger Jahren, die radikale Abkehr von der weltwirtschaftlichen Integration ein. Das vordem stabile, beinahe global gültige Währungs- und Handelssystem verschwand. Eine vergleichbare internationale Wirtschaftsordnung entstand erst wieder nach 1945, und das auch nur auf der westlichen Seite des Eisernen Vorhangs. Erst 50 Jahre später erreichte der Welthandel, gemessen als Anteil an der weltweiten Produktion, wieder das Niveau von 1913 (siehe Grafik). Und erst in den achtziger Jahren ließen sich die Industriestaaten wieder auf einen liberalisierten Kapitalverkehr ein, dessen Umsatzvolumen dem der Vorkriegszeit nahekommt. So ist am Ende des "Jahrhunderts der Globalisierung", wie Giersch es nennt, zumindest eines unbestreitbar: Die stetige Ausdehnung der Marktwirtschaft ist keineswegs vorbestimmt. Der Lauf der Geschichte kann durchaus die entgegengesetzte Richtung nehmen. Es handelt sich - altmodisch ausgedrückt - um einen dialektischen Prozeß. Wo immer das Gesetz von Angebot und Nachfrage gegen bestehende Strukturen durchgesetzt wird, erzeugt dies auch Gegenbewegungen. Und das Resultat ist offen. Wären die Ereignisse lediglich der Logik des Marktes gefolgt, hätte der Erste Weltkrieg gar nicht stattfinden dürfen. Für Großbritannien, dessen Reichtum auf ungestörten Handelsbeziehungen beruhte, galt das ebenso wie für das wirtschaftlich äußerst erfolgreiche deutsche Kaiserreich. Jenseits der Rüstungsproduktion hatte die deutsche Industrie durch einen Krieg wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren. ... Kurz darauf siegte der imperiale Wahn über das Streben nach Gewinn - für neoklassische Ökonomen wie Giersch bis heute eine Art Unfall der Geschichte, für den es keinen Zusammenhang zur stürmischen Globalisierung jener Zeit gibt. Schon Joseph Schumpeter, Erfinder der berühmten Formel von der "schöpferischen Zerstörung" durch innovative Unternehmer, vermochte sich "das aggressive Verhalten der Staaten" nicht so recht aus den Interessen der Beteiligten zu erklären. Der Imperialismus, so schrieb er 1919, gehe wohl zurück auf "die starke Lebenskraft der vorkapitalistischen Elemente". Doch vieles deutet darauf hin, daß gerade der rasende Triumph von Kapital und Markt dazu beitrug, diese "Elemente" für die Kriegsbereitschaft zu mobilisieren. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts, meinen die Wirtschaftshistoriker O'Rourke und Williamson, habe sich ein "massiver Rückschlag gegen die Globalisierung" und das liberale Wirtschaftsregime abgezeichnet. Und der begann in Kontinentaleuropa bei den großen Verlierern des weltwirtschaftlichen Umbruchs: den Bauern und Großgrundbesitzern. ... Die Revolution im Transportwesen schwemmte Millionen Tonnen billiges Getreide aus den USA und Rußland auf die europäischen Märkte und stiftete massive Unruhe, insbesondere unter Preußens Junkern. Ihre Einkünfte brachen um bis zu 50 Prozent ein. Im Bruch mit dem bis dahin geltenden wirtschaftsliberalen Zeitgeist verschanzte die Regierung von Kaiser Wilhelm ihre "Grüne Front" hinter hohen Zollmauern, die bis 1902 auf bis zu 47 Prozent des Warenwertes angehoben wurden. Die meisten anderen europäischen Länder folgten dem deutschen Beispiel.<br />Der protektionistische Rückfall vermochte jedoch den Bedeutungsverlust der Agrarier nicht auszugleichen. Als die Statistik kurz vor der Jahrhundertwende erstmals mehr Beschäftigte in der Industrie als in der Landwirtschaft auswies, verursachte das nahende Ende der ländlichen Gesellschaft massive Verlustängste. ... Im Jahre 1897 hielt der Ökonom Karl Oldenberg vor dem evangelischen Sozialkongreß in Leipzig eine Brandrede, die einen jahrelangen Streit um die weltwirtschaftliche Verflechtung auslöste. Oldenberg wetterte gegen die drohende Abhängigkeit Deutschlands von "Bauernstaaten" wie den USA oder China. Gehe die Entwicklung weiter, drohte er, "werden wir immer mehr exportieren müssen, um uns zu ernähren". Folglich sei der Maschinenexport "Totengräberarbeit" an der Nation. In solchen Ausbrüchen, meint der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser, "artikulierte sich erheblicher Widerstand gegen die Globalisierungsdynamik jener Zeit". Dieser prägte die Politik der Vorkriegszeit und bereitete den Boden für das Streben nach Autarkie. Auch der Historiker Joachim Radkau, ein brillanter Chronist der deutschen Industriegeschichte, stieß in zahllosen Quellen auf die allgegenwärtige Angst vor dem plötzlich so nahen Ausland. Da war etwa angesichts des wirtschaftlichen Erfolges der USA vielfach von der "amerikanischen Gefahr" die Rede. Zwar erzielte beispielsweise die deutsche Maschinenbauindustrie zwischen 1902 und 1907 ein Exportwachstum von vollen 600 Prozent. Aber die zunehmende Exportabhängigkeit, so Radkau, "machte anfällig für die Psychose des internationalen Wettlaufs". ... Parallel dazu durchdrang weite Teile der Gesellschaft das Gefühl der Überforderung. "Das Zeitalter der Nervosität" betitelte Radkau sein Buch über den Zeitgeist der Epoche, deren großes Thema die fortwährende Beschleunigung war. "Tempo" war das universale Modewort, und die Neurasthenie, die übermäßige Erregbarkeit, stieg zur Volkskrankheit auf. Wilhelm Erb, der führende Neurologe jener Zeit, machte dafür die "ins Unangemessene gesteigerte Konkurrenz" verantwortlich. Bürger wie Nationen seien "zu gewaltig vermehrten Anstrengungen im Kampfe um ihr Dasein genötigt". Man ersetze die Worte "Tempo" und "Nervosität" durch "Flexibilität" und "Streß", dann klingt das verblüffend vertraut. Und so wie sich damals die Agrargesellschaft auflöste, schrumpfen heute die Milieus der lebenslang beschäftigten Arbeiter und Angestellten. Trotzdem erscheint es ganz und gar unwahrscheinlich, daß sich die daraus resultierenden Spannungen noch einmal in einem Krieg zwischen den führenden Wirtschaftsmächten entladen könnten. Im Gegenteil, die moderne Form der Globalisierung führt das Denken in nationalen Kategorien zusehends ad absurdum. Die amerikanische Historikerin Mira Wilkins, Expertin für die Geschichte der Kapitalmärkte, sieht darin den entscheidenden Unterschied zum globalen Aufbruch vor 100 Jahren: "Die Vernetzung der internationalen Finanzströme und das Volumen der direkten, grenzüberschreitenden Investitionen hat eine völlig andere Qualität." Schon über 53 000 transnational tätige Unternehmen mit knapp 450 000 Niederlassungen zählten 1998 die Experten der Unctad, des Genfer Uno-Zentrums für Weltwirtschaft. Auf diese entfallen rund zwei Drittel des gesamten Welthandels, die Hälfte davon wickeln sie innerhalb ihrer firmeneigenen Netzwerke ab. Ein Volkswagen Polo, montiert in Pamplona, enthält Zulieferteile aus 16 Ländern, von Mexiko bis Tschechien. Toyota produziert genauso viele Fahrzeuge im Ausland, wie der Konzern aus Japan exportiert. Und umgekehrt würde die US-Autoindustrie zusammenbrechen, wenn sie auf die Zulieferung japanischer Hersteller verzichten müßte.<br />So scheint der Krieg als politische Option in den Wohlstandsländern nur noch etwas für Wirrköpfe zu sein. Ein japanischer Angriff auf die Vereinigten Staaten käme der Vernichtung von fast einer halben Billion Dollar Anlagekapital des Aggressors gleich. Und auf welcher Seite eines europäisch-amerikanischen Konflikts würde DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp stehen? Die Mehrheit seiner Beschäftigten sind Europäer, aber ein Drittel der Aktien werden in den USA gehalten. Bringt also die globale Verschmelzung im zweiten Anlauf den großen Frieden, eine Art Pax Globalis im Zeichen des Marktes? Schön wär's. Doch so beruhigend die Befriedung zwischen den Großmächten von einst auch verlaufen mag, so bedrohlich wachsen mit dem globalen Siegeszug des Kapitalismus soziale Spaltung und politische Instabilität. Sowohl zwischen den Völkern als auch innerhalb der Nationen vertieft sich der Graben zwischen Gewinnern und Verlierern. Das Potential für einen weiteren Rückschlag wächst. In verblüffender Gleichförmigkeit öffnet sich quer durch alle Wohlstandsländer die Schere zwischen Lohneinkommen auf der einen und Kapitalgewinnen auf der anderen Seite. In den USA lag der Stundenverdienst für vier Fünftel der Erwerbstätigen im Jahr 1995 um 11 Prozent unter dem Stand von 1973, während die Wirtschaftsleistung pro Kopf um über 30 Prozent zulegte.<br />Aller Zuwachs floß nur noch einem Fünftel der Bevölkerung zu, und auch dies höchst ungleich. Das reichste Prozent aller Haushalte verdoppelte im gleichen Zeitraum die Einkommen.<br />Die wachsende Ungleichheit ergab sich aus der Reaktion auf die japanische und europäische Konkurrenz, die zu Beginn der achtziger Jahre die Weltmärkte eroberte. "Amerikas Industrie wurde förmlich in die Knie gezwungen", erinnert sich Stephen Roach, Chefökonom der Wall-Street-Bank Morgan Stanley. "Auf diesen Schmerz" (Roach) antworteten die Unternehmen mit einer bis dahin nie dagewesenen Welle von Entlassungen und Lohnkürzungen. Nach einem Jahrzehnt "downsizing" und "re-engineering" verfügen die USA nun wieder über die "produktivste Ökonomie der Welt" ("Business Week"). Zugleich aber hat sich ihre Gesellschaftsstruktur deutlich verändert. "Wenn die Flut steigt, steigen mit ihr alle Boote auf dem Wasser", auf diese Formel brachte John F. Kennedy einst den Zusammenhang zwischen Wachstum und Massenwohlstand. Diese Metapher trifft heute nicht mehr zu - der Wohlstand wächst nicht gleichmäßig für alle. Zu Kennedys Zeiten verdienten Amerikas Top-Manager etwa 44mal soviel wie ein durchschnittlicher Arbeiter, heute beträgt dieser Faktor 326. "Zynisch betrachtet", schrieb die "Financial Times", "werden die Chefs heute für die Fähigkeit bezahlt, den Ertrag für die Aktionäre zu maximieren und den für ihre Beschäftigten zu minimieren." ... Von Pierer, obwohl alles andere als ein Rambo, versprach Shareholder-value: "Wir müssen mehr Geld verdienen." Das klang zu Zeiten der ersten globalen Markterschließung ganz anders. Er sehe, schrieb Firmengründer Werner von Siemens seinerzeit, "im Geschäft erst in zweiter Linie ein Geldeswerth Object". Ihm ging es um technischen Fortschritt sowie die Teilhabe seiner Mitarbeiter am Erfolg: "Mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich meinen Gehilfen nicht den verdienten Anteil gäbe." So zeitigt die Globalisierung eine paradoxe Entwicklung: Volkswirtschaftlich macht sie die Wohlstandsnationen reicher, allein in Deutschland nimmt mit jedem Prozent Wachstum das Volkseinkommen um rund 37 Milliarden Mark zu. Nur dient die Erwerbsarbeit immer weniger als Medium zur Verteilung dieser Zuwächse. Auf Löhne und Gehälter entfällt ein immer kleinerer Anteil am Ertrag (siehe Grafik). Zugleich können die nationalen Regierungen die Steuerpolitik nicht mehr nutzen, um dagegenzuhalten. Über die internationalen Finanzmärkte haben sich die Staaten in einen weltweiten Steuersenkungswettbewerb für Unternehmen und Kapitalbesitzer verstrickt, um sie zu Investitionen zu animieren. Folglich wächst die Steuerlast für jene, die sich nicht entziehen können: Arbeitnehmer und Verbraucher. In der Europäischen Union zahlten Lohn- und Gehaltsempfänger 1995 im Schnitt 13 Prozent mehr, Kapitalgesellschaften dagegen fast 40 Prozent weniger Steuern als ein Jahrzehnt zuvor. ... Die "Revolution des Kapitals", wie das "Handelsblatt" den Chef eines großen deutschen Unternehmens zitierte, birgt allerdings erhebliche Risiken. Denn das politische Signal ist verheerend: Auch demokratisch gewählte Regierungen können der zunehmenden Ungleichheit nicht mehr entgegenwirken. Solche Entwicklungen seien "der Demokratie nicht förderlich", urteilt der deutsch-britische Ur-Liberale Ralf Dahrendorf und wähnt die Menschheit an "der Schwelle zum autoritären Jahrhundert". .... Alle Spannungen innerhalb der Wohlstandsgesellschaften erscheinen jedoch harmlos im Vergleich zu dem Abgrund, der sich zwischen ihnen und dem Rest der Welt auftut. Im Jahr 1960 erzielte das Wohlstands-Fünftel der Weltbevölkerung ein Pro-Kopf-Einkommen, das etwa 30mal höher lag als die Wirtschaftskraft der ärmsten 20 Prozent; heute erreicht die Differenz das 78fache. Die weltweit registrierten 358 Dollar-Milliardäre sind gemeinsam gerechnet so reich wie die ärmeren 2,5 Milliarden Bewohner des Planeten, fast die Hälfte der Weltbevölkerung. ... Eine kleine Minderheit steigt in die Welt von Nike, Sony oder Volkswagen auf, für den großen Rest bleibt dieses Ziel für immer unerreichbar. Der massenhafte Ausschluß aus dem Paradies erzeugt tiefe Abwehr und die Sehnsucht nach Identität und Gemeinschaft. So bestellt der Trend zur globalen Annäherung gleichzeitig den Boden für ethnische, religiöse und andere Fundamentalismen aller Art. "Dschihad gegen McWorld" nennt der US-Politologe Benjamin Barber diesen globalen Megatrend in Anlehnung an das arabische Wort für den "Heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen, auf den sich die radikalen Islamisten berufen. Barber prophezeit "Mikrokriege bis weit ins nächste Jahrtausend" nach dem Modell Afghanistan und warnt, die neue Epoche könnte "postnational, zugleich jedoch auch unheilbar postdemokratisch werden". Alles nur finstere Visionen? Vielleicht. Noch glauben die meisten Regierungspolitiker, Konzernchefs und ihre akademischen Berater fest daran, daß die grenzenlose Ausdehnung der Marktwirtschaft nach westlichem, genauer: nach US-amerikanischem Muster zur globalen Mehrung von Wohlstand und Sicherheit führt. "Die Globalisierung wirkt sich auf Entwicklungsländer segensreich aus", versichert etwa BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel. Unternehmen aus Industrieländern hätten dort zig Millionen Arbeitsplätze geschaffen und eine Basis für die industrielle Entwicklung gelegt. Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung - so lautet die eiserne Formel, mit der Westeuropäer und Amerikaner gemeinsam mit Hilfe des von ihnen regierten Internationalen Währungsfonds (IWF) der Weltbank und der Welthandelsorganisation seit drei Jahrzehnten die Marktintegration des Südens vorantreiben. Doch die Resultate sind nicht ermutigend. In Mexiko etwa müßte längst der Wohlstand eingezogen sein. Seit 17 Jahren befolgen die Regierungen der 94-Millionen-Nation südlich des Rio Grande folgsam die Ratschläge des IWF. Sie privatisierten die Staatsindustrie, fuhren Staatsdefizit und Inflation herunter und öffneten ihren Kapitalmarkt. 1993 schloß Mexiko mit den USA und Kanada sogar das Freihandelsabkommen Nafta ab. Multinationale Konzerne, von Bayer bis Motorola, eröffneten Fertigungsbetriebe. Aber von all dem profitierte nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Die neuen Fabriken sind hochgradig importabhängig und bieten nur wenig neue Arbeitsplätze. Gleichzeitig setzte die Öffnung gegenüber den Vereinigten Staaten wichtige nationale Wirtschaftsbereiche der US-Konkurrenz aus. Eine Importwelle überschwemmte das Land, und die arbeitsintensive, mittelständische Industrie sowie die bäuerliche Landwirtschaft mußten weichen. Allein im Maschinenbau wurde die Hälfte aller Betriebe geschlossen. Das Wirtschaftswachstum sank unter die Zuwachsrate der Bevölkerung. Angelockt durch hohe Zinsen und Mexikos Ruf als IWF-Musterschüler, finanzierten US-Investmentfonds mit dem Kauf von Peso-Bonds einen Boom auf Pump. Im Dezember 1994 folgte das Unvermeidliche. Die ersten Anleger verloren das Vertrauen, die Unsicherheit schlug in Panik um, und der Wechselkurs des Peso stürzte ab. Ein erneutes IWF-Schockprogramm führte anschließend in eine wirtschaftliche Katastrophe. Binnen weniger Monate waren 15 000 Unternehmen bankrott, an die drei Millionen Menschen verloren ihre Arbeit, und die Kaufkraft der Bevölkerung schrumpfte um ein Drittel. Vier Jahre später gilt Mexiko als saniert, die Exportindustrie boomt wieder. Aber die "makroökonomische Gesundheit wurde auf Kosten von massenhaftem Leid erreicht", befand das "Wall Street Journal". Zu Beginn der neunziger Jahre mußte knapp die Hälfte der Mexikaner mit weniger als drei Dollar am Tag auskommen, nun sind es zwei Drittel der Bevölkerung. Dabei verfügt Mexiko mit dem kurzen Zugang zum US-Markt noch über die denkbar besten Voraussetzungen. Die Aufsteiger Südostasiens, die es zwei Jahre später nach dem gleichen Muster traf, werden voraussichtlich noch weiter zurückgeworfen, ebenso die Krisenopfer in Rußland und Brasilien. Und beinahe überall nimmt die Globalisierung auf dem Weg über den Markt wieder das häßliche Gesicht des Kolonialismus an. Während von Seoul bis Buenos Aires die gerade erst gewachsene Mittelschicht verschwindet, übernehmen Amerikaner und Europäer per Schnäppchenkauf die Kontrolle in den Banken, den Schaltzentralen jeder Volkswirtschaft. Kein Wunder, daß sich in allen Krisenländern eine antiwestliche, national orientierte Opposition formiert. Was ist schiefgegangen? Die gleiche Frage stand vor 45 Jahren schon einmal auf der Tagesordnung der Staatengemeinschaft. Ende Juli 1944 kamen in dem Erholungsort Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire 730 Delegierte aus 44 verschiedenen Nationen zusammen, um über eine krisenfeste Weltwirtschaftsordnung zu verhandeln. Spiritus rector der Konferenz war der britische Ökonom John Maynard Keynes, der mit dem US-Finanzstaatssekretär Harry Dexter White die Grundlinien der späteren Verträge entwarf. Beide Männer hielten die unkontrollierten Kapitalströme für eine der zentralen Ursachen der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. Vor deren Ausbruch hatten Europäer und Amerikaner eisern den freien Kapitalverkehr aufrechterhalten. Der internationale Geldfluß beschleunigte jedoch erst den Boom und dann den Absturz. Anstatt aus dem damaligen Handelsüberschußland USA ins defizitäre Europa zu fließen, nahm das Kapital die umgekehrte Richtung gerade zu dem Zeitpunkt, als es in Europa am dringendsten benötigt wurde. Darum, so schrieb Keynes, sei "nichts sicherer, als daß die freie Bewegung von Kapitalfonds reguliert werden muß". Entsprechende Kontrollen, stellte sein US-Partner White klar, "bedeuten jedoch weniger Freiheit für die Besitzer liquiden Kapitals. Aber diese Beschränkung würde eben im Interesse der Völker ausgeübt". Das war einer der Kernpunkte des Vertragswerkes, das die Diplomaten und Finanzexperten nach 22 Tagen intensiver Arbeit paraphierten. Die Währungen der Mitgliedsländer wurden auf einen Festkurs zum Dollar festgelegt, und es entstand der IWF, der überschuldeten Staaten mit Überbrückungskrediten beistehen sollte. Artikel IV des Vertrags forderte von jedem Staat, der solche Mittel beanspruchte, er müsse Kontrollen ausüben, um einen fluchtartigen Geldabfluß zu stoppen. Die stabile Finanzordnung ermöglichte einen Aufschwung ohnegleichen. In den folgenden 25 Jahren wuchs die Wirtschaftsleistung in den westlichen Industriestaaten auf das Dreifache. Und die mit der Unfreiheit des Kapitalverkehrs erreichte Währungsstabilität beflügelte die Freiheit des Warenhandels mit Zuwachsraten wie vor 1914. Gleichwohl trug das System den Keim des Scheiterns in sich. Weil alle Währungen an den US-Dollar gebunden waren, baute es auf die Bereitschaft der USA, ihre Geldpolitik nicht an nationalen Interessen auszurichten. Mit der Eskalation des Vietnamkrieges ließ jedoch der damalige Präsident Richard Nixon ab 1969 die Rüstungslasten mit der Notenpresse bezahlen und flutete die Welt mit billigen Dollars. Parallel dazu förderte die britische Regierung den Aufbau eines unkontrollierten, damals sogenannten Euro-Kapitalmarktes in der Londoner Banken-City. Die Inflationierung der Leitwährung und die Mobilisierung von liquidem Kapital für spekulative Zwecke sprengten schließlich das System. Im März 1973 trugen die EG-Regierungen den Währungspakt mit den USA offiziell zu Grabe und gaben die Wechselkurse zum Dollar frei. Das war der Startschuß für das fulminante Wachstum einer heute global vernetzten Finanzindustrie, auf deren elektronisch organisiertem Weltmarkt das Schicksal ganzer Nationen entschieden wird. Arthur Burns, damals Chef der US-Zentralbank Federal Reserve, warnte vergebens, die Entfesselung der Finanzmärkte werde "mit Sicherheit Elend über die Menschheit bringen". Die düstere Prognose findet jetzt, 26 Jahre und 87 Währungscrashs später, eine brutale Bestätigung. Als sei eine Art Kurzschluß in der Weltökonomie entstanden, pflanzt sich eine Rezession, die im kleinen Thailand als Wechselkursverfall begann, über den Kanal der deregulierten Finanzmärkte seit zwei Jahren rund um den Erdball fort. Rund 40 Prozent der Weltwirtschaft befinden sich in der Rezession. Jeffrey Garten, früher leitender Mitarbeiter im wirtschaftspolitischen Team der Clinton-Regierung und heute Dekan an der Yale-Universität, beurteilt die forcierte Öffnung der Weltmärkte inzwischen skeptisch. "Wir sind zu schnell und zu weit gegangen", sagt Garten, "da war eine gewisse Arroganz im Spiel." Die Strategie der rein marktgesteuerten Globalisierung ist offenbar gescheitert. Allzu simpel war die Vorstellung, die ganze Welt ließe sich in ein großes Amerika verwandeln. Aber wie geht es besser? 1930, ein Jahr nach dem Börsenkrach und noch vor Ausbruch der großen Depression, stellte sich die Frage durchaus ähnlich. "Ökonomisch ist die Welt eine umfassende Handlungseinheit", aber politisch sei sie geteilt geblieben, befand damals das britische Magazin "The Economist" und resümierte: "Die Spannungen zwischen den beiden gegensätzlichen Entwicklungen haben reihenweise Zusammenbrüche im Leben der Menschheit ausgelöst." 69 Jahre später ist die gleiche Analyse von brennender Aktualität. Wieder sitzt die Menschheit in der Falle zwischen globaler Ökonomie und nationaler Politik. Als sich im vergangenen Januar rund tausend Repräsentanten der globalen Wirtschafts- und Politikelite zum alljährlichen World Economic Forum im Schweizer Skiort Davos versammelten, stand die Ratlosigkeit der Mächtigen der ihrer Vorgänger von damals in nichts nach. Fast alle Redner zelebrierten den Zweifel am bisherigen Weg. "Das globale Dorf steht in Flammen", empörte sich Ägyptens Präsident Husni Mubarak, "es muß etwas falsch sein mit einem System, das Jahre hart erarbeiteter Entwicklung ausradiert, nur weil sich Markteinschätzungen ändern." Und Kanzler Schröder beklagte wie einst Keynes, daß "spekulative Kapitalbewegungen ganze Volkswirtschaften an den Rands des Ruins" treiben würden. Aber mehr kam nicht heraus. Die Debatten über ein neues Währungsregime nach dem Muster von Bretton Woods endeten im Nirgendwo. Die führenden Wirtschaftsnationen der G-7-Gruppe zeigten sich tief gespalten, US-Finanzminister Rubin wehrte jedes Ansinnen auf eine Regulierung der Märkte strikt ab. Amerikas boomende Finanzindustrie lebt vom unbehinderten Kapitalverkehr. So ist die Zukunft der globalen Integration der Menschheit am Ende des Jahrhunderts so ungewiß wie zu dessen Beginn. Klaus Schwab, Gründer und Präsident des World Economic Forum, sieht bereits Vorboten "einer Gegenbewegung, die unbedingt ernst zu nehmen" sei. Es gelte zu demonstrieren, wie der globale Kapitalismus so funktionieren kann, "daß er auch der Mehrheit Nutzen bringt und nicht nur Konzernmanagern und Investoren". Das deckt sich mit den Erkenntnissen der Wirtschaftshistoriker O'Rourke und Williamson über die Umkehrung des Globalisierungstrends vor 100 Jahren. "Der Rückschlag entwickelte sich aus den Verteilungseffekten", so ihre Schlußfolgerung, "die Globalisierung zerstörte sich selbst."<br /><br />Literatur, Grafiken, etc. zum Text: siehe <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,27857,00.html">hier</a> (Link zur Originalversion des Artikels)<br /><br /><em>Lasset uns hoffen, dass bei der momentanen Globalisierung - von den einzelnen Individuen, den Unternehmen und den Staaten (also von uns allen!) - besser darauf geachtet wird, dass die Kosten/Nutzen-Analyse der Globalisierung für alle positiv ausfällt, mit anderen Worten: dass sie (möglichst) paretooptimal ist. Ich jedenfalls möchte nicht, dass meine Umgebung - wie in Folge der letzten Globalisierung - in Nationalismus (und gar Krieg) zurückverfällt.</em> (Anm. <em>ob</em>)<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-112688501275680722?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1123608792075628042005-08-09T19:30:00.000+02:002005-08-09T19:33:12.083+02:00Zum (eigennützigen) Altruismus<em>aus biopsychologischer (humanethologischer) Sicht</em><br /><br />Beispielhaft [für die Beschränkungen der freien Anwendung, z.B. von Wissen, und letztlich des Handelns, Anm.] sind wegen ihrer Klarheit und Einfachheit die goldene Regel (1) und der kategorische Imperativ (2). Diese Regel und der Imperativ können mit Vorbehalt als kulturelles Pendant zum reziproken Altruismus der Soziobiologie gesehen werden.<br /><br />(1) z.B. Moses: Liebe deinen nächsten, wie dich selbst. Hillel: Was dir selbst unlieb ist, das füg keinem andern zu. Matthäus (7.12): Alles nun, was ihr wollt, daß es euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun. Leviticus (19.34): Wie ein Einheimischer aus eurer Mitte gelte euch der Fremdling. Buddha: ... nirgends habe ich etwas gefunden, das dem Menschen teurer ist als sein eigenes Ich. Da nun den anderen auch ihr Ich lieb ist, darf, wer sein eigenes Wohl wünscht, keinem anderen ein Leid zufügen. Konfuzius: Sich darauf verstehen, das [einem selbst] Nahe als Beispiel [für das Verhalten gegenüber anderen] zu nehmen, das kann als Methode der Menschlichkeit gelten. Der konfuzianistische Song-Kanzler Wang Anshi [1021-1086] hat vorgeschlagen, die goldene Regel auch in der Außenpolitik anzuwenden.(2) Kant (1778, z.B. § 7): "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."<br /><br />... Durch die soziale Grundregel von William Hamilton wird die Evolution von Brutpflege und der von Eibl-Eibesfeldt entdeckte Zusammenhang zur Evolution sozialer Zusammenschlüsse biomathematisch fundiert: Die soziale Grundregel besagt: Der genetische Nutzen (Ausbreitungswahrscheinlichkeit der Gene) einer altruistischen Handlung errechnet sich aus Kosten mal Verwandtschaftsgrad. Brutpflege konnte nach dieser Regel entstehen. ... Soziale Zusammenschlüsse zwischen Adulten unterscheiden sich zunächst von Familien (Eltern und Junge) in einem entscheidenden Punkt: Zwischen adulten Mitgliedern einer Gruppe ist Altruismus im allgemeinen nicht einseitig wie bei der Brutpflege, sondern beruht auf Gegenseitigkeit: Robert Trivers zeigte, da§ Altruismus zwischen Adulten nur unter Bedingungen der Reziprozität evolutionsstabil ist und daß sich reziproker Altruismus auch zwischen nicht verwandten Individuen "bezahlt" machen kann (eine Übersicht dazu findet sich z.B. in Ridley, 1997; Wickler & Seibt 1991). ... Aus dem genetisch "eigennützigen" Altruismus der Eltern wurde der ähnlich eigennützige reziproke Altruismus innerhalb sozialer Gruppen. Reziprok altruistische Individuen unterscheiden sich von brutpflegenden auch dadurch, daß sie in Abhängigkeit von den Vorerfahrungen wählerisch sind. Es handelt sich also um sogenannte "wählerische Altruisten": Kooperative Artgenossen werden bevorzugt. ... Homo sapiens und andere soziale Primaten werden aber erfahrungsgemäß nicht so theorienkonform durch kurzsichtigen Eigennutz getrieben, wie immer wieder (auf den Grundlagen von Hamilton und Trivers) unterstellt wird: Humanethologen wie Eibl- Eibesfeldt (z.B. 1970, 1997) und Schiefenhövel (z.B. 1992) betonen seit Jahrzehnten, daß Menschen im allgemeinen freundlicher, hilfsbereiter und weniger eigennützig manipulierend sind, als man auf der Grundlage früher soziobiologischer Hypothesen meinen möchte. Individuen sozialer Arten haben in der Gruppe mit wählerischen Altruisten häufig bessere Bedingungen, wenn sie sich nicht zu unmittelbar eigennützig verhalten. Zuviel kurzsichtiger Eigennutz wird nämlich von den Artgenossen als unattraktiv wahrgenommen.<br /><br />Aus: <em>Biologie und Kultur. Zu den biologischen Bedingungen von Determination und Freiraum in der Kultur</em> von Gerhard Medicus, erschienen in <em>Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Zu Person und Werk</em> von Ch. Sütterlin und F. Salter (Hrsg), 2001, <a href="http://www.diedenker.org/markt/suche" target="_blank">ISBN 3361345410</a>, S. 236<br /><br />Angebracht u.a. beim Thema <em>Soziales.</em><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-112360879207562804?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1119640746285189682005-06-24T21:14:00.000+02:002006-08-06T13:50:22.196+02:00Zur kriegerischen Haltung der momentanen US-Führung (ggü. der friedlichen, "schwächlichen" Haltung der EU)<a href="http://olivier.roller.free.fr/nair.html" target="_blank"><img style="FLOAT: left; MARGIN: 0px 10px 0px 0px; WIDTH: 136px; CURSOR: hand; alt: " src="http://olivier.roller.free.fr/nair.jpg" border="0" /></a>"...in den USA existieren zwei Strömungen mit antagonistischem Hintergrund. Auf der einen Seite gibt es die missionarisch universalistische Richtung, von Wilson-demokratischer Inspiration, die bestrebt ist, auf der Welt die "Vorteile" der marktwirtschaftlichen Zivilisation unter Beachtung der Menschenrechte und der Vielfalt zu verbreiten. Der Präsident Jimmy Carter verkörpert diesen Bewusstseinstyp. Er hat es immer verneint, für die Entwicklung dieser den Menschen befreienden Mission Waffengewalt in Betracht zu ziehen... Der Wilsonismus kann sich tatsächlich leicht zu "demokratischem" Imperialismus degenerieren und dabei jenen "zivilisierenden" Kolonialismus des 19 Jahrhunderts wiederherstellen, welcher bekanntlich ganze Völker mit dem Versprechen, dass er ihnen den Fortschritt zugänglich mache, unterwarf.<br />Auf der anderen Seite gibt es die einzelgängerische[?: particularista], us-amerikanische Richtung, verkörpert seit Ende der 70er durch Ronald Reagan, welcher meint, die Mission der Vereinigten Staaten sei es, der Welt als Beispiel zu dienen, indem sie gegen alles, was sich - sozial, militärisch, ökonomisch und kulturell - gegen das amerikanische Modell - gesehen als das Ideal für die Menschheit - richten könnte, kämpfen.<br />Seit Anfang der 80er Jahre liefern sich diese zwei Richtungen einen offenen Kampf. ... Mit dem Sieg von Bush junior entstand eine Entwicklung, welche die politische Überlegenheit der kriegerischen, fundamentalistischen und konservativen Strömung belegt. ...<br />Man kann einige ideologische Varianten unterscheiden welche, obwohl sie untereinander in Konkurrenz stehen, die Idee des American way of life als den besten der Welt, teilen. Seit den 80er-Jahren fand das Denken von Francis Fukuyama [Der letzte Mensch = dt. Titel seines bekannten und politisch vielbeachteten Buches, Anm. des Übersetzers], ehemals Funktionär der Staatsabteilung[?], großen medialen Anklang und es erfüllt exakt die Anforderungen des marktwirtschaftlich universalistischen Imperiums, welches aus dem Triptychon Marktwirtschaft, Menschenrechte und antistaatlicher Liberalismus den unantastbaren Kern seiner Expansion macht. ...Fukuyama behauptet zu beweisen, dass das us-amerikanische System das beste ist und das es kein anderes, mögliches gibt. Jede Opposition gegenüber diesem System ist ein Angriff auf die Wahrheit der Geschichte, auf das Ende, welches sich in den USA findet. ([Anm. in der Fußnote:] sowohl Fukuyama als auch Samuel Huntington haben sich der immensen us-amerikanischen Kulturindustrie bedient, um ihre Ansichten zu vermarkten, auf Kosten von großen us-amerikanischen Denkern wie Fredric Jameson, Edward Said oder John Rawls*. Der Fall Fukuyama ist karikaturistisch. Seine Prosa ist eine arme Umschreibung der Funken der Genialität von Alexandre Kojève, den Einführer[?] des hegelschen Denkens in Frankreich... Kojève hält den American way of life für eine "Rückkehr zur Animalität[?]"...)<br />Anfang der 90er war es das Denken von Huntington** das großen Erfolg hatte. Dieser Autor situiert sich nicht im philosophischen Terrain, sondern im kulturellen... Samuel Huntington, Ideologe und während einer kurzen Periode Architekt des antikommunistischen Kampfes, entwickelte als es mit dem sowjetischen System zu Ende ging die effizienteste Ideologie des kulturellen Imperialismus der USA. In Kampf der Kulturen teilt er das Kulturwesen [?] in sieben oder acht Kulturen ein: ... Der entscheidendste Kampf ist jener der abendländischen Kultur mit "dem Rest der Welt", weil der Okzident ... seine kulturelle Überlegenheit verteidigt. Dieser Konflikt der Zivilisationen kann sich in einen offenen Krieg verwandeln, vor allem gegen den Islam und den Konfuzianismus, weil diese zwei Zivilisationen stark sind (Öl und Bevölkerung) und sich nicht leicht dem imperialen, abendländischen Ethos unterwerfen werden. Trotzdem, obwohl die "Analyse" Huntington´s im medialen und politischen Universum Anklang gefunden hat, ist es schwierig, in Europa einen Denker von Format zu finden, welcher sich herabgelassen hätte, sie auf seriöse Weise zu diskutieren. Aber das ist ein Fehler, weil sie hat sich in eine einfache und widersprüchliche Kampfwaffe ... für die Ideologie der wichtigen Gruppen der us-amerikanischen Verwaltung und der internationalen Presse verwandelt. ...<br />Offensichtlich sind weder Francis Fukuyama noch Samuel Huntington für den interventionistischen Messianismus[?] von Paul Wolfowitz, Nummer zwei des Pentagons, oder für die Drohungen gegenüber dem Rest der Welt vom Verteidigungssekretär, Donald Rumsfeld, und seines Beraters Richard Perle, verantwortlich. ...in gewisser Weise stellt die neue "zivilisierende" Variante, repräsentiert durch diese Strömung, einen Bruch innerhalb der amerikanischen Kultur dar, welcher einer Spezies von modernem Neofaschismus Raum verschafft. ... Trotz der beträchtlichen Verstärkung des repressiven Arsenals gegenüber Ausländern, der polizeilichen Überwachung, der die amerikanischen Bürger unterworfen sind, der moralischen Ordnung, eingeführt durch Bush junior und seine Regierung, der religiösen Strömung, welche die USA durchquert (man sagt, dass mehr als siebzig Millionen Gläubige sich regelmäßig in den Kirchen versammeln, um die evangelischen Prediger konservativer und ethnozentrischer Ausrichtung zu hören), trotz einschließlich der Entscheidung, Gebetsrunden im Kongress zu verordnen, der extremen Aggressivität des amerikanischen Heeres in der Welt, kann man das politische System der USA nicht als faschistisch einstufen: die demokratischen Mechanismen sind nach wie vor gültig. Dafür ist klar, dass die wichtigsten Dirigenten der USA beeinflusst sind durch eine gewisse, neofaschistische Ideologie...<br />"Anstatt sich mit dem Thema aufzuhalten, dass Gewalt das letzte Mittel sein soll", sagt Perle "muss man möglichst exakt den besten Moment und die besten Umstände wählen[?], um auf sie zurückzugreifen." Mit anderen Worten, der Einsatz von Gewalt ist nicht eine Ausnahme; er ist normal, weil er ist ein Mittel wie jedes andere zur Lösung von Konflikten. ... Die Idee, dass der Einsatz von Gewalt ein letztes Mittel ist, hat seine Wurzeln in der säkularen, politischen Philosophie... Hobbes, ...der Autor des Leviathan, begründet die legitime Autorität im Gesetz und nicht in der Gewalt. ... Der Diskurs von Richard Perle ist einschneidend[/scharf/kategorisch]: er drückt eine Konzeption der internationalen Beziehungen begründet in der Stärke/Gewalt[fuerza] aus. Der Europakommissar Chris Patten bemerkte, dass er sich [angesichts dieser Aussagen von Richard Perle in einer Debatte mit ihm - im Frühjahr 2001?] fragte, ob es sich um einen Alptraum handelte... ([In der dieses Kapitel abschließenden Fußnote:] Am 26. Juni 2003 erklärte Condoleezza Rice, Beraterin von Präsident Bush in Sicherheitsangelegenheiten, vor dem Internationalen Institut für Strategische Studien von London, dass das Konzept der "multipolaren Welt" gefährlich und teuflisch sei weil es auf der "Rivalität der Nationen" basiere. Von nun an, fügte sie hinzu, müsse man sich der aufgezeigten[?] Führung der "Macht im Dienste der Freiheit", den Vereinigten Staaten von Amerika, unterordnen. Dieser brilliante Vorschlag verdient keinen Kommentar.***" (Aus: El imperio frente a la diversidad del mundo von Sami Nair, S. 101-110 bzw. Kapitel Das Recht des Stärkeren [La razón del más fuerte]; mit bestem Wissen und Gewissen übersetzt von ob; Titel auch von diesem hinzugefügt; bei mit [?] markierten Wörtern sinngemäße Übersetzung wahrscheinlich, aber unsicher; die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe mit der ISBN 8497933877) <p></p><p>Anm. des Übersetzers (ob): Für diese Hardliner (Perle, Rice, ...) wäre also "passiver" Widerstand a lá Ghandi oder das Bemühen um Konsens ein Zeichen von Schwäche...<br />* zitiert auch von uns bezüglich seiner A Theory of Justice bzw. "eigennütziger Selbstlosigkeit" (eigene Beschreibung/-titelung)<br />** Sehr gut kritisiert auch in einem der Bücher eines "meiner" spanischen Professoren, Alejandro Lorca - genaueres auf Anfrage.<br />*** Aber ich möchte doch anmerken, dass mich die Überlegung hinsichtlich dieser Sichtweise von Rice bald an Brave New World (kreiert von Huxley) erinnert hat, in welcher kein Platz für die distinkte Lebensweise der Indianer ist (bzw. nur in Reservaten als Attraktion bzw. aus Erziehungsgründen: zur Abschreckung...) und welche irgendwie ausweglos erscheint.</p><p></p><p>Neu entdeckt zu den Themen Krieg und Frieden, Politik, Globalisierung und USA.</p><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-111964074628518968?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1116597518405341452005-05-20T15:53:00.001+02:002009-03-07T16:27:07.334+01:00Die Rawl´sche Idee der eigennützigen (und deshalb freiwilligen) Selbstlosigkeit (Solidarität)Beitrag <a href="http://www.diedenker.org/inhalte/viewtopic.php?t=245">hierher</a> verschoben<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-111659751840534145?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1110558436194420092005-03-11T17:23:00.000+01:002005-03-11T17:27:16.196+01:00Vom Treiben der Frevler(Oder: Von der poetischen Todesorientiertheit mancher Menschen, Anm. <em>ob</em>)<br /><br />Die Frevler aber holen winkend und rufend den Tod herbeiUnd sehnen sich nach ihm wie nach einem Freund;sie schließen einen Bund mit ihm,weil sie es verdienen, ihm zu gehören.Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen:Kurz und traurig ist unser Leben;für das Ende des Menschen gibt es keine Arznei,und man kennt keine, der aus der Welt des Todes befreit.Durch Zufall sind wir geworden,und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen.Der Atem in unserer Nase ist Rauch,und das Denken ist ein Funke,der vom Schlag des Herzens entfacht wird;verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche,und der Geist verweht wie dünne Luft.Unser Name wird bald vergessen,niemand denkt mehr an unsere Taten.Unser Leben geht auf wie ein Nebel,der von den Strahlen der Sonne verscheucht,und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird.Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten,unser Ende wiederholt sich nicht;es ist versiegelt, und keiner kommt zurück.Auf, laßt uns die Güter des Lebens genießenUnd die Schöpfung auskosten,wie es der Jugend zusteht.Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen,keine Blume des Frühlings darf uns entgehen.Bekränzen wir uns mit Rosen,ehe sie verwelken;keine Wiese bleibe unberührtvon unserem ausgelassenen Treiben.Überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen;Das ist unser Anteil, das fällt uns zu.Laßt uns den Gerechten unterdrücken,der in Armut lebt,die Witwe nicht schonenund das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen!Laßt uns dem Gerechten auflauern!Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg.Er wirft uns Bergehen gegen das Gesetz vorUnd beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung.Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen,und nennt sich einen Knecht des Herrn.Er ist unserer Gesinnung ein lebendiger Vorwurf,schon sein Anblick ist uns lästig;denn er führt ein Leben,das dem der anderen nicht gleicht,und seine Wege sind grundverschieden.Als falsche Münze gelten wir ihm;Von unseren Wegen hält er sich fern wie von Unrat.Das Ende der Gerechten preist er glücklichund prahlt, Gott sei sein Vater...<br /><br />Wie sehr diese alte Stelle aus der Bibel (Buch der Weisheit, 2) doch die aktuelle Situation beschreibt, nicht?<br /><br /><em>Wiederentdeckt</em> in der Sammlung beim Thema <em>(Un)Glaube</em>.<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-111055843619442009?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>Die Denkernoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1103283687236679232004-12-17T13:39:00.002+01:002009-04-04T23:47:42.597+02:00Diskussionen, Mehrheitsentscheidungen und Demokratie<p>Beitrag <a href="http://www.diedenker.org/inhalte/viewtopic.php?t=273">hierher verschoben</a><br /></p><p style="color: rgb(255, 255, 255);">[Es gibt den] Verdacht .., dass despotische Entscheidungsstrukturen [im Tierreich bei Tieren, die in mehr oder weniger großen Gruppen zusammen leben und deshalb auch kollektive Entscheidungen treffen müssen] eher die Ausnahme sein dürften und stattdessen demokratische Regeln, genauer gesagt, die einfache Mehrheitsregel, die Regel. ... "Synchronisationskosten" ergeben sich aus der Summe der Abweichungen der einzelnen optimalen Aufbruchzeitpunkte von dem tatsächlich gewählten Zeitpunkt [Aufbruch einer Herde nach einer Ruhephase]. Conrad und Roper zeigen nun, dass eine Mehrheitsentscheidung immer zu geringeren Synchronisationskosten führt als die Entscheidung eines Despoten (eines Leithirsches). Geringere Kosten bedeuten einen Selektionsvorteil im Evolutionsprozess und deshalb setzen sich "demokratische" Verfahren eher durch als despotische. Dazu trägt auch bei, dass sich Despoten im Tierreich schwer tun. Um seinen Willen gegen die Mehrheit durchzusetzen, muss ein potentieller Despot einen relativ großen Aufwand betreiben. Beispielsweise müsste ein Hirsch, wenn er bestimmen will, wann aufgebrochen wird, andere daran hindern aufzustehen. Im Unterschied fällt es der Mehrheit relativ leicht "Widerstand" zu leisten. In menschlichen Gesellschaften ist das erkennbar anders, denn hier können Despoten durch die Bildung von Koalitionen und die Nutzung technischen Fortschritts mit vergleichsweise geringem Aufwand eine erhebliche Repression entwickeln. (Weimann 2004, ISBN , S 170 in einem kurzen Ausflug über <i>Demokratie im Tierreich</i>)</p> <p style="color: rgb(255, 255, 255);"><i>Das Arrow-Theorem und der Ruf nach dem starken Mann</i></p> <p style="color: rgb(255, 255, 255);">Man kann getrost unterstellen, dass sich das Arrow-Theorem [*] noch nicht bis an die Bier- und Stammtische herumgesprochen hat. Dennoch wird an diesen nicht selten in einer Weise argumentiert, die - zumindest auf den ersten Blick - durchaus in Einklang mit Arrow zu stehen scheint. Wann immer politische oder gesellschaftliche Situationen entstehen, die a) viele Menschen in eine schwierige Lage bringen und die b) einen gewissen Grad an Komplexität überschreiten, wird der berühmte Ruf nach dem starken Mann laut. Das unrühmliche Ende der Weimarer Republik ist das vielleicht herausragendste Beispiel dafür, wie laut dieser Ruf werden kann. Gegenwärtig ... [in Problemzonen auch] ... durchaus die Neigung vorhanden, die Lösung komplexer Probleme in einer Abkehr von schwierigen demokratischen Entscheidungsverfahren zu sehen. ... Und sind es nicht entschlossene Taten, die auch gegen Widerstände durchgesetzt werden, die in schwierigen Zeiten gefragt sind? Selbstverständlich lässt sich eine solche Argumentation mit dem Verweis auf Arrow nicht stützen. Das Arrow-Theorem zeigt zwar deutlich die Problematik kollektiver Entscheidungen, ohne dass sich daraus jedoch eine Empfehlung für eine konkrete Alternative ableiten ließe. Jede Entscheidungsregel muss vielmehr für sich überprüft und auf ihre Mängel hin untersucht werden. Genau das lehrt uns Arrow: Weil es kein ideales Verfahren geben kann, müssen wir immer mit Schwächen rechnen und dies gilt es sehr genau zu betrachten ... Vergleich zwischen demokratischen und nicht-demokratischen Regierungsformen lässt sich auf sehr unterschiedliche Weise führen. Zwei empirische Argumente sollten zu denken geben. Zwischen demokratischen Ländern hat es bisher noch keinen einzigen Krieg gegeben und in einem demokratischen Land ist es bisher noch nie zu einer Hungersnot gekommen. ... Hungersnöte ... betreffen selten mehr als die ärmsten 5% einer Bevölkerung. Das bedeutet, dass keine Hungersnot wirklich sein müsste oder nicht durch nationale Maßnahmen vermieden werden könnte. In demokratischen Systemen ist es offensichtlich nicht möglich 5% ihrem Schicksal zu überlassen - Diktaturen haben da weniger Probleme. ... Die Diskussion, die den Prozess der Präferenzbildung ganz entscheidend mitgestaltet, macht den Kern demokratischer Verfahren aus. Wenn das wahr ist, dann fehlt einer Diktatur ein zentrales Element kollektiver Entscheidungsfindung - eben die Diskussion vor der Entscheidung. ... welch ungeheuer wichtige Funktion die Diskussion oder allgemein die Kommunikation hat. Es deutet vieles darauf hin, dass Kommunikation der entscheidende Schlüssel zum Verständnis dafür ist, warum Menschen in der Lage sind, soziale Dilemmata zu überwinden. ... Frei nach Winston Churchill ... bleibt nur der Schluss, dass Demokratien zwar nicht funktionieren, aber ein besseres Verfahren weiterhin unbekannt ist. (Weimann 2004, ISBN 3540012737, S 203-205)</p> <p style="color: rgb(255, 255, 255);">* [ungefähre Erklärung des "Arrow-Paradoxons": Arrow hat bisher unwiderlegt nachgewiesen, dass es kein Entscheidungsverfahren gibt, welches zu rationalen kollektiven Entscheidungen führt - individuelle Rationalität führt oft zu kollektiver Irrationalität! Die Probleme bei der "kollektiven Nutzenmaximierung" fangen schon an bei der Messbarkeit des Nutzens: zum Thema Nutzenmesskonzepte habe ich, ob, einmal ein Referat geschrieben, wenn sich jemand dafür interessiert -, was eine besondere Bedeutung für die Demokratie - man denke an Wahlverfahren, Abstimmungen, Unterdrückung von Minderheiten durch die Mehrheit, etc. - hat; man lese selber nach für genauere und zuverlässigere Infos...]<br /></p> <p><span style="color: rgb(255, 255, 255);">Nachtrag 2008: Es gibt auch Studien (wenn ich mich recht erinnere sind diese ebenfalls in </span><a style="color: rgb(255, 255, 255);" href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3540012737/diedenker-21" target="_blank"><span style="font-style: italic;">Wirtschaftspolitik. Allokation und kollektive Entscheidung</span></a><span style="color: rgb(255, 255, 255);"> - vgl. oben - erwähnt), in denen festgestellt wurde, dass Gruppen eher richtig entscheiden als Individuen (vgl. hierzu auch den "Publikumsjoker" im Fernsehquiz "Millionenshow", bei dem das Publikum befragt wird und dessen Mehrheitsentscheidung meist richtig ist). Was "richtig" ist, kann aber wohl nicht immer so klar als bspw. bei Millionenshow-Quizfragen definiert werden.</span><br /></p><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-110328368723667923?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1102104714787913832004-12-03T21:10:00.000+01:002004-12-17T12:50:00.536+01:00Wissensmaß<p>Vielleicht verhält es sich mit dem Wissen wie mit dem Proviant in einem Rucksack: <br />manche können mehr tragen, <br />manche weniger <br />- wie viel jedoch optimal bzw. notwendig ist, <br />das weiß keiner. <br /> </p><p>Ich finde es weder gesund noch einzig produktiv (Stichworte: Reflexion, Kreativität, ...), wenn Studenten möglichst viel (Vorgegebenes) in möglichst kurzer Zeit "fressen". (Anlässlich einer ärgerlichen Diskussion mit einem offensichtlich sehr populistischen Prof, der sich als Christdemokrat bekennt und früher für die ÖVP gearbeitet hat und sich selber als verantwortlich für die Einführung der Studiengebühren geoutet hat und das eben u.a. damit rechtfertigte, dass <i>die Billa-Verkäuferin</i> nichts von Studenten hätte und sie deshalb nicht unterstützen müssen sollte...; in der direkten Diskussion meinte ich u.a., dass die Studenten sehr wohl positive Effekte auch für andere hätten und nicht bloß für sich selbst im von ihm so verstandenen Sinne von künftigem höherem [materiellem natürlich...] Wohlstand; ich dachte später auch u.a. an das Erasmus-Programm, das bei seiner Sicht sicherlich auch "absurd" wäre [wieso soll denn die Billa-Verkäuferin Auslandsaufenthalte fördern, die ohnehin nur der Karriere und dem Vergnügen dienen... und selbst wenn es so wäre, müsste man das nur in Klammer setzen!], das ich aber als höchst positiv sowohl für mich als auch mein Umfeld erlebte und wahrscheinlich ohne Förderung nicht gemacht hätte, was z.B. viele kennengelernte US-Amerikaner [die ja das Vorzeige-Bildungssystem für diesen Prof zu haben scheinen...] bei ihren eigenen [teils auch sehr engstirnigen] MitbürgerInnen bedauerten; 2.12.04)</p> <p>- Letzteres wird noch erweitert <br /></p> <p>(Gesammeltes/Philosophie/Denken allg. bzw. (Aus)Bildung, beides von mir) <br /></p><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-110210471478791383?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1101487479576503642004-11-26T17:41:00.000+01:002004-11-26T17:44:39.576+01:00Metropolis... <br />Eine Welt vernünftiger Quartiere oder Kleinstädte wäre jedoch öde und spannungslos. Die Verstärkung metropolitaner Zentren ist das Gegengift gegen die Verzettelung von kulturellen oder technischen Unternehmungen in Agglomerationszonen. Die grossen Metropolen (über eine Million BewohnerInnen) bieten in der Tat kulturelle und soziale Möglichkeiten, die das Dorf nie erreichen kann. <br />Trotz ihrer blutigen Geschichte gibt es keinen Grund, sich ein gerechtes und umweltverträgliches Leben in diesen Metropolen (griechisch: «Mutterstädten») nicht vorzustellen. Aus den Global Cities des Überlebenskampfs aller gegen alle müssen solidarische und organisch gegliederte Metropolen entstehen. (Einige hoffnungslos parasitäre, pseudourbane Gebilde werden sich allerdings auflösen oder zerfallen.) <br />Die selbst verwalteten Stadtteile solcher Metropolen müssen Beziehungen mit der umliegenden Landwirtschaft aufbauen. Dass das möglich ist, zeigt die 15-Millionen-Stadt Shanghai, die jeden Morgen mit Frischgemüse aus der Region versorgt wird. Zur vollständigen Lebensmittelversorgung von einer Million Menschen braucht es unter mitteleuropäischen Bedingungen ein Agrarumland von zirka 2000 Quadratkilometern, das heisst einen Umkreis von etwa 25 Kilometern. (Im Falle von Zürich wäre es das Gebiet von Brugg, Zug, Rapperswil, Frauenfeld, Schaffhausen und wieder zurück nach Brugg, das heisst der Grossraum Zürich inklusive seiner landwirtschaftlichen Flächen.) Auf dieser Fläche werden ausschliesslich Frischprodukte angebaut. Für haltbare Lebensmittel und Spezialitäten ist ein Austausch bis auf subkontinentale und planetarische Ebenen weiterhin möglich und wünschbar. <br />... <br /> <br />Gesammeltes/Zu mehreren Themen passender Artikel/Was kommt nach dem Kapitalismus <br /><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-110148747957650364?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1100876551403232762004-11-19T15:57:00.000+01:002004-11-19T16:02:31.403+01:00ZweifelmaßWenn das Verhältnis von Kosten und Nutzen des Zweifelns (<>zweifellos</em> richtig, es <em>bewusst</em> einzustellen (d.h. nicht, es [durch Tabletten oder rein psychologisch] zu verdrängen!), sei es, indem man einfach (vorübergehend) an etwas glaubt oder sich beruhigt (im Wissen, dass es momentan besser bzw. jedenfalls nicht erwiesen schlechter [-> der Zweifel selbst verlangt den Versuch!] ist) anderen Dingen zuwendet. <br /> <br />(Von mir u.a. neu erdacht; weiteres noch nicht online) <br /><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-110087655140323276?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>obnoreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-8805174.post-1099052411450187272004-10-29T14:10:00.000+02:002004-12-17T12:48:28.043+01:00Nietzsche über den WegAuf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf Einer Leiter stieg ich zur Höhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen, - das gieng mir immer wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen: - und wahrlich, auch antworten muss man lernen auf solches Fragen! Das aber - ist mein Geschmack:- kein guter, kein schlechter, aber mein Geschmack, dessen ich weder Scham noch Hehl mehr habe.``Das - ist nun mein Weg, - wo ist der eure?'' so antwortete ich Denen, welche mich ``nach dem Wege'' fragten. <span style="font-style: italic;">Den</span> Weg nämlich - den giebt es nicht! Also sprach Zarathustra. <br /> <br />Nietzsche im Kapitel <span style="font-style: italic;">Vom Geist der Schwere</span> in: <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442075262/diedenker-21" target="_blank">Also sprach Zarathustra - Ein Buch für Alle und Keinen</a> <br /> <br />(Gesammeltes/Zu mehreren Themen passendes) <br /><div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8805174-109905241145018727?l=www.diedenker.org%2Fappetithappen.html'/></div>Die Denkernoreply@blogger.com0