tag:blogger.com,1999:blog-6727968530778775714.post-54006137934883153352008-05-07T12:46:00.000-07:002008-05-07T13:45:18.437-07:00Skandierende Hausfrauen, proteschtierende Verfolgte und mai-singende Studenten ... und das alles in einem UniversitätsdorfLiebe Leser!<br />Nachdem ich nun schon länger Zeit im Universitätsdorf T. am N. (dem geographischen Mittelpunkt Baden-Württembergs) ansässig bin, dachte ich eigentlich, ich wäre nun soweit, dass mich nicht mehr viel wundern kann. Denn, um ein Wort meines Onkels zu zitieren, nachdem ich mit ihm einmal durch T. gelaufen bin: "Unser Herrgott hat ja allerlei Kostgänger!" Gelegentlich klappt es mit dem wundern aber doch noch, etwa heute.<br />Bei dem schönen Wetter beschloß ich am Nachmittag, vor dem abendlichen Seminar noch einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Von irgendwoher hört ich eine Stimme durch ein Mikrofon schallen und eine, vor mir ihr Fahrrad schiebende, junge Dame fragte ihre Begleiterin: "Wer quatscht denn da?". Da ich mich selbiges auch fragte, folgte ich dem Schall und erreichte eine Art Demonstration vor St. Georg (so hieß die Kirche, bis sie im 16.Jahrhundert von den Protestanten besetzt wurde). Interessant war das Plakat der Demo (es gab nur eins), auf dem Stand: "Tübingen - lieber bunt als grün". Es dauerte etwas bis mir einfiel, dass "grün" ein Attribut des Oberbürgermeisters von T. (Boris Palmer) ist. Etwas erhöht, auf dem zur Kirche ansteigenden Gelände hin, stand derweil eine Frau, deren Sätze refrainhaft mit der Bemerkung "Damit muss Schluß sein!" endeten. Die Dame war so Anfang vierzig, trug (wenn ich mich recht erinnerte) eine helle Jeans, eine grüne Bluse und eine Perlenkette, zu einer biederen Frisur mittlerer Haarlänge. Sie erinnerte mich spontan an den Typ Frau, der im Pfarrgemeinderat mitarbeitet, gebetsmühlenartig die immerselben zwei Aussprüche des Hl.Eugen Drewermann und der Sel.Uta-Ranke Heinemann in den Raum wirft und monatlich eine Petition zur Aufhebung des Zölibats - wahlweise an den Papst oder an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte - schicken will. Auch wenn die Dame wohl eher nicht einem Pfarrgemeinderat angehört haben dürfte, so gelang es ihr doch keineswegs ihre Ausführungen mit dem kämpferisch gedachten "Damit muss Schluß sein!" auch nur halbwegs so nachdrücklich zu gestalten, wie sich schätzungsweise die Ermahungen anhören, wenn ihre vermutlich exakt zwei Kinder mit dreckigen Schuhen durch den Hausflur laufen. Ihre versucht-kämpferischen Ausführungen weckten also gleichzeitig eine Art Amüsement als auch ein gewisses Mitleid mit ihr. Wer hat die gute Frau da nur hingestellt?<br />Mittlerweile dämmerte mir auch, welchen Anlaß die Versammlung hatte. Die Fahne der SED-Nachfolger hatte schon von vornherein nichts gutes verheißen. Es ging um das Maisingen. In T. am N. ist es üblich, das sich am 1.Mai einige Hundert Verbindungsstudenten auf dem Holzmarkt (vor St.Georg) versammeln, um einige traditonelle Lieder zu singen. Aus Gründen, die teils im Unklaren liegen und teils für rationale Menschen eher schwer nachzuvollziehen sind, versammeln sich aus diesem Anlaß stets auch einige tausend (!) politisch links stehende Menschen und Menschinnen um die Verbindungsstudenten niederzubrüllen und dem Faschismus die Stirn zu bieten, auch wenn er nicht da ist. Aber will das schon so genau nehmen? Nun, dieses Jahr waren die Linken mal wieder durch ihre Gewalttätigkeit aufgefallen, was zu entsprechenden Gegenmaßnahmen der Polizei geführt hatte. Wie immer demonstrierten jetzt, heute, unsere linken Freunde gegen Gewalt, allerdings natürlich nicht gegen die eigene, sondern gegen den Polizeieinsatz...<br />Als nächstes sprach der Vertreter des VVN zu uns. Dabei handelt es sich mitnichten um einen Vertreter eines Verkehrs-Vereins-N..., wie ich erstlich dachte, sondern um den etwa vierzigjährigen Abgesandten des "Verbandes der Verfolgten des Nazi-Regimes". Mit welchen arithmetischen und logischen Mitteln das Nazi-Regime ihn und die anderen Mitglieder des Vorstandes des VVN (die wegen Berufstätigkeit leider nicht erscheinen konnten, wie mit Bedauern vermeldet wurde) verfolgen konnten bleibt die offene Frage, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein. Er legte jedenfalls "Protescht" ein. Er proteschtierte gegen das Maisingen, gegen den Polizeieinsatz und vorsorglich auch gleich gegen eine andere Veranstaltung, von der gehört hatte, dass die Verbindungen sie wohl nächstes Jahr zum 1.Mai durchführen wollen - das "Protescht!" ersetze bei ihm das "Damit muss Schluß sein!" der Vorrednerin. Es bleib zwar unklar, warum er proteschtierte, aber zumindest machte er deutlich gegen was. Man konnte ihm auch besser zuhören als seiner verkrampft-entrüsteten Vorrednerin.<br />Schließlich wurde mein Glück mit einem dritten Redner komplett gemacht. Da das Ausrasten einer ganzer Reihe linker Kleingruppen wohl nicht weg zu diskutieren war, wurde nun wenigstens die Begründung geliefert. Und man staunt! Der Grund für die 'Ausschreitungen' war, dass die Polizisten durch ihre Schutzkleidung nicht persönlich erkennbar waren und es auch keinen exakten Identifizierungscode auf den Uniformen gibt, mit dem man sie wegen etwaiger Körperverletzung im Amt besser anzeigen könnte. Mit dieser geistreichen Erkenntnis versehen konnte ich nun beruhigt und über die wahren Ursachen gewalttätiger Auseinandersetzung im Bilde meinen Spaziergang zur Fakultät an dieser Stelle fortsetzen ...KJhttp://www.blogger.com/profile/08622344321134568878noreply@blogger.com