tag:blogger.com,1999:blog-30400917329792565932009-07-03T20:35:18.094+02:00Weblog Jelle van der MeulenJede Woche eine neue StoryJelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.comBlogger109125tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-59896199932006476522009-06-29T12:08:00.004+02:002009-06-29T12:13:56.561+02:00Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und FeuerzeugeAmares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.<br /><br />Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend. <br /><br />Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.<br /><br />Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:<br /><br />Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.<br /><br />(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)<br /><br />Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?<br /><br />Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.<br /><br />Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.<br /><br />Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.<br /><br />Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.<br /><br />Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr. <br /><br />Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-5989619993200647652?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com9tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-83255478794070028292009-06-22T10:56:00.001+02:002009-06-22T10:57:40.184+02:00Vom Wind weggepustet werden? Über die kleine EsmeraldaIch komme nicht darum umhin, sie für heute, in meiner Welt der Worte, Esmeralda zu nennen. In der Wirklichkeit, außerhalb meiner Worte heißt sie ja anders, nein, nicht ganz anders, ich würde sagen: ein bisschen anders – aber eben anders. Warum sie heute Esmeralda heißen soll, weiß ich nicht so ganz genau. Als ich mir aber vornahm diesen Text zu schreiben, meldete sich für sie einfach dieser edle & schöne & doch auch ein bisschen düstere Name bei mir.<br /><br />Esmeralda also. Ich kenne sie nicht, dass heißt: ich habe sie nicht mit eigenen Augen gesehen. Ein paar Freunde haben aber gerührt & aufgeregt & staunend über sie erzählt – und über diese Erzählungen ist Esmeralda irgendwie bei mir eingetroffen. Sie geht in mir herum, stiftet eine wunderbare Unruhe, bewegt Fragen & erweckt Aufmerksamkeit.<br /><br />Esmeralda ist noch nicht einmal vier Jahre alt. Für ihr Alter ist sie – laut den Erzählungen – eher ein bisschen zu groß, nicht richtig zu groß, aber doch zu groß. Sie steht unsicher auf ihren Füßen, so, als ob sie sich das Gehen nicht so ganz zutraut. Sie scheint so zu wirken, als ob sie bodenlose Fragen hat - über alles, was mit dem Boden zu tun hat. Dass die Erde uns ein fußfestes Fundament bietet, ist Esmeralda offensichtlich nicht bekannt. (Oder weiß sie etwas, was wir nicht wissen?)<br /><br />Einer der Freunde erzählte: „Esmeralda kriegt viel mit, sie sieht alles, fühlt sich von hundert kleinen Ereignissen wie belagert. Sie bemerkt jeden Vogel, der vorbei fliegt...“ Es sieht also so aus, als ob die kleinen Ereignisse für Esmeralda irgendwie groß & bedeutend sind. Ja, natürlich, alle Kinder erleben das Große in dem sogenannten Kleinen, längst nicht alle fühlen sich davon aber belagert. Liegt ihr Problem darin, dass ihre Füße zu unsicher sind? Oder sind ihre Augen & Ohren einfach zu groß, zu offen, zu sensibel?<br /><br />Esmeralda ist aber, wegen einer ganz bestimmten Aussage, die sie irgendwann einmal gemacht hat, bei mir eingetroffen. Als sie einmal im Wald auf einer großen Wiese war, sagte sie zu ihrer Mutter: „Ich habe Angst davor, vom Wind weggepustet zu werden“. Ihre Mutter erzählte später meinen Freunden, dass Esmeralda öfters von dieser Angst spricht. „Ihr habt keine Idee davon, was wir diesbezüglich mit ihr schon erlebt haben. Wir waren mal in Holland bei den Windmühlen... Meine Tochter hat richtig Angst vor Wind.“<br /><br />Was liegt hier vor? Ich weiß es nicht. Ich kenne Esmeralda nicht einmal persönlich & wüsste außerdem nicht, welche psychologischen Einsichten an dieser Stelle relevant oder hilfreich wären. Mich trifft aber diese unbegründete Angst vor dem Wind. Irgendetwas in mir versteht diese Angst durch & durch, so, als ob ich etwas weiß, was offensichtlich auch Esmeralda weiß. <br /><br />Was ist Wind? Als erstes fällt mir ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley ein, Ode to the West Wind. Der englische Romantiker spricht von der „unseen presence“ (unsichtbaren Anwesenheit) des Windes, der die toten Blätter vor sich her treibt: „Wild Spirit, which art moving everywhere;/ Destroyer and preserver;“ Der Westwind heißt bei Shelley „der Vernichter“, weil er alles was sich in seiner Gewalt nicht halten kann, zum Tode führt.<br /><br />Und ich denke an Gerrit Achterberg, den holländischen Dichter, der sich genau wie Esmeralda & Shelley von den hundert Ereignissen-jede-Stunde immer wieder angesprochen fühlt. In seinem Gedicht „Hulshorst“ beschreibt er, wie der Bummelzug, in dem er sitzt, in Hulshorst – einem Dorf auf der Veluwe – „mit einem gottverlassenen Knarren“ anhält, und „niemanden heraus, niemanden herein lässt“... und wo er für ein paar Minuten ein „wenig Wehen“ hört...<br /><br />Gerrit Achterberg im Original: „O minuten/ dat ik hoor het weinig waaien/ als een oeroude legende/ uit uw bossen: barse bende/ rovers, rans en ruw/ uit het witte veluwhart.“ Auf Deutsch müsste das mehr oder weniger heißen: Oh Minuten/ dass ich das wenige Wehen höre / wie eine uralte Legende/ aus ihren Wäldern: harsche Bande/ Räuber, ranzig und roh/ aus dem weißen Veluwherz.“<br /><br />Achterberg versteht in diesem Gedicht den Wind als eine Art Medium. Über den Wind bekommt er Zugang zur Ortsgeschichte. Er „hört“ eine uralte Legende von Räubern, die mitten in der Veluwe (heißt: „gelbe Aue“) offensichtlich herumgetobt haben. (Das Herz der Veluwe ist laut Achterberg nicht strahlend gelb, so wie man das vielleicht erwarten dürfte, sondern weiß.) Aus dem Gedicht geht klar hervor, dass der Wind spricht.<br /><br />Was ist Wind? Er ist unsichtbar – wir spüren seine Wirkungen aber mit unseren Augen & unseren Ohren & unserer Haut. Der Wind kann zart sein, wie ein Hauch, oder gewaltig, wie ein Stürmen. Aber ob leise oder gewaltig: der Wind bringt etwas in Bewegung. Vom Geist wird gesagt, dass er wie der Wind weht... Und der Wind raunt von alten Zeiten. Schon die alten irischen Barden standen am Meer und hörten in dem gewaltigen Wehen & Wenden & Blasen & Dröhnen & Toben des atlantischen Windes eine uralte Geschichte vom Vergehen & Untergehen.<br /><br />Die Angst von Esmeralda, dass sie durch den Wind weggepustet werden könnte, ist physisch gesprochen unbegründet. Und klar: es wird bestimmt einen Moment geben, wo sie das verstehen wird & ihre Angst überwinden kann. Die Angst wird aber auf einmal nachvollziehbar, wenn man den Wind als ein poetisches Geschehen versteht, das von Tiefen & Höhen & Weiten einer unsichtbaren Welt erzählt.<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-8325547879407002829?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com8tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-47317088889092967242009-06-15T10:51:00.001+02:002009-06-15T10:53:01.492+02:00Sehen und gesehen werden. Über Peter Sloterdijk und ReligionWir sind durch & durch mit der Erfahrung vertraut, dass uns ein Mensch anschaut. Gesehen werden gehört zum Leben, obwohl wir die Erfahrung manchmal als unangenehm erleben. Angeschaut & gesehen werden, führt zu der merkwürdigen Erfahrung, dass wir uns selber als Objekt erleben – in dem Blick des Anderen werden wir zum Gegenstand. Diese Spaltung zwischen Ich-als-Subjekt und Ich-als-Objekt verunsichert uns.<br /><br />Am deutlichsten merken wir das, wenn wir einander länger in die Augen schauen. Sofort entsteht ein Spiel von sehen & gesehen werden. Die Augen bewegen sich unruhig hin und her & das innere Erleben springt blitzschnell vom Subjekt-Sein zum Objekt-Sein & wieder zurück. Offenbar scheint es schwierig zu sein, die beiden „Perspektiven“ gleichzeitig gelassen & souverän zu handhaben. Für das normale Bewusstsein stehen sie einander im Wege.<br /><br />Angeschaut & gesehen werden, so meinen wir, geht nur, wenn das Gegenüber Augen hat. Menschen können uns sehen, Steine & Pflanzen & künstliche Gegenstände & Landschaften können das nicht. Bestimmte Tiere können es auch: manchmal erscheint neben mir im Garten kurz ein Zaunkönig & schaut mich neugierig an. (Aber nein, mit ihm entsteht das Spiel von sehen & gesehen werden nicht. Einem Vogel kann man merkwürdigerweise nicht in die Augen schauen.)<br /><br />In seinem letzten Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (Suhrkamp, 2009, S. 44) meint Peter Sloterdijk zu Recht, dass das religiöse Erleben die Beziehung zwischen Subjekt & Objekt exakt umdreht. In seinen Worten: „Auf der Position, wo üblicherweise das Objekt erscheint, welches ebendarum, weil es Objekt ist, niemals zurückschaut, ´erkenne` ich nun ein Subjekt, das die Fähigkeit besitzt, zu schauen und Blicke zu erwidern“.<br /><br />Für das religiöse Erleben ist die objektive Welt genau so beseelt, wie die subjektive. Sterne & Wälder & Flüsse & Wolken & Findlinge schauen uns mit unsichtbaren Augen an. Dieses Tauschen (ich glaube, Sloterdijk meint eher ´Täuschung`) spielt sich nicht nur auf der Ebene des Sehens ab – sondern die Positionen wechseln sich auch im Sprechen & Hören. Für das religiöse Leben gilt, dass die objektive Welt uns hört & zu uns spricht.<br /><br />(Interessant ist, dass diese Umdrehung sich nur auf das Sehen & Hören bezieht – wenn es um Riechen, Schmecken & Tasten geht, scheint die Beziehung zu den Dingen der Welt einseitig zu bleiben. Bäume & Teiche & Planeten riechen & berühren & schmecken uns nicht. Liegt das daran, dass Sehen und Hören irgendwie enger mit dem verwoben ist was wir das Selbstbewusstsein nennen?)<br /><br />Sloterdijk kommt auf das Thema der sinnlichen Umkehrung, weil er den Titel seines Buches zu erklären versucht. Die Aufforderung „Du mußt dein Leben ändern“ kommt aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem das poetische Subjekt von einem Torso angeschaut & angesprochen wird. In dem Torso gibt es ein „Schauen“, dass sich „hält und glänzt“ – es gibt „keine Stelle, die dich nicht sieht“. Am Ende des Gedichtes spricht dann der Torso die berühmte Mahnung aus, die Sloterdijk als Titel seines Buches gewählt hat.<br /><br />Anders als Peter Sloterdijk meinte Rainer Maria Rilke, dass die objektive Welt tatsächlich beseelt sei. Man könnte, wenn man wollte, Rilke diesbezüglich naiv nennen, aber nur wenn man es absichtlich wollte: denn die Frage, was hier genau vorliegt, wird nämlich auch von Sloterdijk nicht beantwortet. Auch wenn man mit Sloterdijk einverstanden ist, dass Religionen eigentlich Übungssysteme sind (ein Gesichtspunkt, der in der Soziologie geläufig ist – dort wird meistens nicht von „Übungen“, sondern von „Kontrolle“ oder „Regeln“ gesprochen) bleibt die Frage stehen: beruht die Verwechselung der Positionen auf einer Täuschung? <br /><br />Falls ja, dann geht es um eine sehr hartnäckige Illusion, die aber alleine dadurch nicht einfach abgehakt werden kann, weil sie die moderne Sichtweise „ich-bin-das-Subjekt“ & „das-Ding-ist-das-Objekt“ mit hervorgebracht hat. Anders gesagt: ohne die „religiöse“ Disposition ist die „naturwissenschaftliche“ Disposition nicht zu denken. Ohne die Krücke namens Religion, kann das Bein namens Wissenschaft keinen Schritt gehen.<br /><br />Wenn man nicht auf die geronnenen Religionen und „jüngeren Religionsexperimente“ (Sloterdijk, S. 141) schaut, sondern auf die religiösen Empfindungen die wir Menschen offensichtlich hatten & haben (und die sich in soziale Verhaltenssysteme umgesetzt haben), stößt man unvermeidlich auf die Frage: was sind Gefühle? Die Erfahrung, dass es Objekte gibt, die uns auf irgendeine Art und Weise sehen & dass die Welt auf irgendeine Art und Weise zu uns „spricht“, beruht auf einem Gefühl.<br /><br />In Gefühlen gestalten sich Beziehungen. In meinen Gefühlen wird „dein“ Dasein nicht nur bejaht & bestätigt & aufgenommen, sondern auch mitgestaltet & vervollständigt. Erst in meinen Gefühlen bist du was du bist. Oder: erst in meinen Gefühlen, wird der Zaunkönig, was er sein will: ein Botschafter der neugierig schaut & tzik tzak spricht.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-4731708888909296724?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com9tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-19760343221857899272009-06-07T17:47:00.001+02:002009-06-07T18:10:44.670+02:00Der Klavierspieler Johann spricht heute mit einer tüchtigen ReporterinIm Stadtanzeiger hatte Johann flüchtig etwas über das Vorhaben des Oberbürgermeisters, die „wichtigen Gegenstände in der Stadt zu registrieren“, gelesen. Er erinnerte sich noch an den Satz: „Über den amtlichen Status der unterschiedlichen Gegenstände wird noch verhandelt“. Die Beamten um den Bürgermeister herum schienen sich nicht darüber einigen zu können, um welche Gegenstände es genau gehen sollte & wie sie eingeordnet werden müssten. Ein hoher Beamter meinte: „Klar ist, dass es sich vor allem auch um Kunstwerke, Musikinstrumente, Altäre, alte Bücher, Schmuck und Zelte aus der Mongolei handelt“.<br /><br />Damals hatte die Sache Johann nicht besonders interessiert, jetzt aber wollte er sich erkundigen. Nach ein paar Telefonaten wurde ihm deutlich, dass tatsächlich das Amt des Oberbürgermeisters dafür zuständig war. Das sogenannte Gegenstands-Anerkennungs-und- Registrierungs-Monopol lag von A bis Z im Rathaus – nicht einmal das Finanzamt war in die Sache eingebunden. „Die Registrierungspflicht der unbekannten Gegenstände ist Chefsache“, wurde Johann mitgeteilt. Mehr wollte der Sekretär am Telefon aber nicht sagen, nicht einmal, welche offiziellen Unterlagen vorlagen & wie man sie erhalten könnte.<br /><br />Ein Anruf beim Stadtanzeiger brachte mehr Erfolg. Die Stimme der Reporterin klang klar und kräftig: „Nein, am Telefon können wir über diese Sache nicht reden. Das geht gar nicht. Habe ich gut verstanden, dass Sie persönlich von RUG betroffen sind?“ „RUG?“ fragte Johann. „Ja“, sagte die Reporterin, „von der Registrierungspflicht der unbekannten Gegenstände“. „Ja“, sagte Johann, „sie wollen alles über einen Flügel wissen, der mir nicht einmal gehört“. „Verstehe!“, sagte die Frau, und sie nannte den Namen einer Kneipe am Alten Markt. „Können wir uns dort heute um fünf Uhr treffen?“<br /><br />Die Reporterin war klein, aber wortgewaltig. Sie trank Bier, rauchte Davidoff-classic & schrieb & schrieb & schrieb. Sie schaffte es, alle wichtigen & unwichtigen Aussagen von Johann („Nein, bitte kein Bier – dann kann ich nicht mehr denken!“) auf das Papier zu kriegen. Ihre rechte Hand tanzte mit Johanns Lippen mit. Und ihre Fragen waren unausweichlich. Erst nach einer halben Stunde fand Johann die Gelegenheit seine Frage zu stellen: „Erzählen Sie mir bitte, was das alles auf sich hat.“<br /><br />„Ich blicke ganz & gar nicht durch“, antwortete die Reporterin. „Ich weiß nur, dass RUG der dritte Schritt einer politischen Kampagne ist. Der erste Schritt wurde im Oktober vorigen Jahres durchgeführt, als der Oberbürgermeister in einer Rede an der Universität betonte, dass seine Aufmerksamkeit sich mehr & mehr & mehr auf die metropolische Gemeinschaft richten würde. So nannte er es: die metropolische Gemeinschaft... Ihm schien es wichtig zu sein, den Begriff ´metropolische Gemeinschaft´ in die Köpfe der Leute zu rammen. Seitdem redet man überall in der Stadt von der MPG. Die MPG soll das & das tun, das & das gerade nicht tun, das & das verstehen, das & das für wichtig halten.“<br /><br />„Der zweite Schritt vollzog sich zwischen Weihnachten und Silvester. Der Oberbürgermeister hielt wieder eine Rede an der Universität, diesmal mit dem Titel: ´Der Wert der Gegenstände für die metropolische Gemeinschaft`. Er zitierte eine Reihe von Philosophen: Plato war dabei & Descartes & Kirchengarten & Heidegger. Ich kann nicht behaupten, dass ich verstanden hätte, was er alles sagte. Irgendwie schien er zu meinen, dass der moderne Mensch gerade dadurch ein moderner Mensch geworden sei, dass er Gegenstände wahrnehmen könne. So etwas. Der Oberbürgermeister sprach vom ´Gegenstands-Bewusstsein` der heutigen Menschheit. ´Wir müssen lernen`, sagte er, `die Gegenstände zu schätzen, weil wir ohne sie gar nichts sind `. So etwas.“ <br /><br />„Und dann kam RUG. Das war Anfang Februar. Ich war zu einer Pressekonferenz ins Rathaus eingeladen worden & dort waren der Oberbürgermeister & ein Beamter namens Schmitz & noch eine Menge Leute mehr. PowerPoint mäßig wurde von RUG 1 & RUG 2 & RUG 3 berichtet – irgendwie schien sich diese Nummerierung auf Kategorien zu beziehen: wirksame Gegenstände & gefährliche Gegenstände & nicht eindeutige Gegenstände... So etwas... Es ging irgendwie darum, die Gegenstände ins kollektive Bewusstsein der MPG zu heben. ´Bis jetzt`, sagte der Oberbürgermeister, ´ist das Wahrnehmen der Gegenstände leider nur eine individuelle Angelegenheit gewesen. Wir sind aber dabei, die Bedeutung der Gegenstände auf eine kollektive Ebene zu heben`. Der Beamte Schmitz hat dann eine Stunde lang über Beobachtung & Dokumentation gesprochen & irgendwie schien vor allem der Philosoph Heidegger diesbezüglich wichtig zu sein. Schmitz sprach davon, dass die Dinge in die Dunkelheit geworfen worden seien & dass dringend eine Lichtung gebraucht werde. ´Es geht ja eindeutig um die Ordnung der Dinge´, meinte er.“<br /><br />„Ich gehe mal davon aus“, sagte die Reporterin noch, „dass der Oberbürgermeister mit MPG & RUG versucht, die politische Debatte neu zu bestimmen. Er will von der Finanzkrise & der Wirtschaftskrise & der Arbeitslosigkeit & der Kinderbetreuung weg. Alles was er nicht im Griff hat, soll hinter einer übergeordneten Sache verschwinden, die niemand versteht. Wir müssen also wach sein!“ <br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-1976034322185789927?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com8tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-43404047198352847372009-06-01T11:13:00.000+02:002009-06-01T11:14:09.839+02:00Der Klavierspieler Johann und der Flügel(Im voraus: dieser Text gehört zu dem Text von letzter Woche und den Kommentaren dazu. JvdM)<br /><br /><br /><br />Der Klavierspieler Johann saß auf dem Klappstuhl, den er vorher für den Beamten Schmitz hingestellt hatte. Seine großen Hände lagen auf seinen großen Knien, seine langen Beine waren weit auseinander gespreizt & sein Kopf hing nach hinten. Der Beamte hat recht, dachte er, es wird Zeit, dass ich mir ein paar Fragen stelle.<br /><br />Was soll ich jetzt machen? Denken?<br /><br />Die Geschichten meines Lebens treiben wie Schiffe auf dem Innensee meiner Seele: große & kleine & mit weißen Segeln & mit braunen Segeln & mit kleinen Motoren & eben ohne irgendetwas, sogar ohne Paddel... Von manchen Schiffen weiß ich nicht, woher sie kommen & ob ich sie erfunden habe & wer sie steuert & wohin sie überhaupt wollen. Meine Seele sieht schon ein bisschen so aus, wie die Bucht bei Hoorn an einem windigen, warmen Samstagmittag.<br /><br />Und jetzt soll ich mir die Geschichten anschauen, vor allem die über den Flügel? Das wird schwierig sein. Ich kann mich nicht einmal auf einen Begriff einlassen: ist das Ding wirklich ein Flügel? Oder ein Klavier? Oder ist das Ding einfach „das Ding“ - das schwarz schimmernde Ding, das immer da war & immer bleiben wird?<br /><br />Wo ich auch hinschaue, das Ding steht immer da. Über das Ding bin ich in die Welt eingetaucht. Die Tasten, die Saiten, die Fuß pedale, die spiegelnde Fläche, die perfekten Kurven rufen überall in der Welt Tasten, Saiten, Pedale, spiegelnde Flächen & Kurven hervor. Die schwarze Kiste ist ein Körper & wenn meine Ohren groß werden & ich die Tasten richtig berühre, dann steigt Musik auf: Chopin oder Oscar Peterson oder... Ich meine: wenn ich in die Kneipe gehe, nehme ich die schwarze Kiste innerlich mit & weite meine Ohren über die Menschen aus, so dass sie sich in meinen Ohren bewegen & aufstehen & ich berühre mit meinen Händen die Tasten & mit meinen Füßen die Pedale – da ganz unten...<br /><br />Und was erklingt ist Musik.<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-4340404719835284737?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com5tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-83134709173348039242009-05-25T10:40:00.001+02:002009-05-25T10:40:51.464+02:00Der Klavierspieler und der BeamteDer Flügel war groß & schwarz. Er stand inmitten eines Zimmers mit weißen Wänden & weißen Bodenfliesen & weißen Gardinen. Ohne auch nur einmal mit seinen Augen zu blinzeln, schaute der Beamte mit einem skeptischen Blick auf das Instrument und fragte: „Woher kommt das Ding?“ Der Klavierspieler faltete seine enorm großen Hände, schüttelte kräftig seinen Kopf – die langen Haare flatterten um ihn herum – und sagte: „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen“.<br /> „Ach so!“, sagte der Beamte. Er holte ein Notizbuch aus der Seitentasche seines Jacketts und kritzelte etwas hinein. „Das können Sie mir leider nicht sagen“, wiederholte er. Er schaute nochmals auf den Flügel, schwieg eine Weile und stellte dann fest: „Sie haben ein Problem!“ Er schaute kurz in sein Notizbuch, hob seinen Kopf und sagte: „Dann brauchen wir ein bisschen Zeit. Können Sie mir einen Stuhl bringen?“<br /> Der Klavierspieler nickte, verschwand und kam unmittelbar mit einem Klappstuhl wieder zurück, den er gewandt ausklappte & hinstellte. „Machen Sie es sich gemütlich“, sagte er. Der Beamte tat so, als ob er nichts gehört hätte – hatte er vielleicht auch nicht – setzte sich hin & schwieg. Er schien all seine Erfahrungen & all sein amtliches Wissen zu sammeln, um herauszufinden, was in dieser schwierigen Lage der richtige Schritt wäre.<br /> „Also“, sagte er, „erst müssen wir die genaue Bedeutung ihrer Aussage klären. Wissen Sie nicht woher das Klavier kommt? Oder gibt es einen anderen Grund, warum Sie mich nicht informieren können? Betrifft es vielleicht ein Geheimnis?“ Der Klavierspieler faltete wieder seine enorm großen Hände und sagte leise: „Ich weiß es nicht. Es ist aber eigentlich auch ein Geheimnis.“ <br /> Mit lauter Stimme, als wollte er betonen, dass Flüstern nicht passte, sagte der Beamte: „Es tut mir Leid, Geheimnisse können wir aber nicht dulden. Das wissen Sie wohl!“ Er öffnete sein Notizbuch, nahm den Stift in die Hand & wartete. „Bitte“, sagte er, „geben Sie mir jetzt ohne Umwege eine klare Erklärung.“<br /> „Der Flügel war schon immer hier“, sagte der Klavierspieler.<br /> „Immer, immer? Wieso immer? Nichts war schon immer da!“<br /> „Doch, als ich hierher kam, war der Flügel schon da.“<br /> „Jetzt müssen Sie aufpassen“, sagte der Beamte verärgert. „Alle Gegenstände haben eine Geschichte & meine Aufgabe ist es, die Geschichten der Gegenstände in dieser Stadt zu dokumentieren. Die Zeit ist vorbei, dass Gegenstände ohne Vermerke existieren können. Seien Sie also bitte so lieb und...“<br /> „Der Flügel war schon immer da“, wiederholte der Klavierspieler. „Als ich hierher kam, war ich vier Jahre alt. Als ich fünf war, entdeckte ich das Zimmer – ich bin einfach hinein gegangen & habe das Klavier gefunden & seitdem mache ich Musik darauf. Und niemand konnte mir sagen, wem das Instrument gehört. Ja, ein Geheimnis ist es schon...“<br /> „Warten Sie mal!“, sagte der Beamte. „Sie behaupten also, dass das Ding schon da war, als Sie als Kind hier einzogen? Und dass es damals niemanden gab, der Bescheid wusste? Ist es das, was Sie versuchen mir zu übermitteln?“<br /> „Ja“, sagte der Klavierspieler leise.<br /> „Und ihre Eltern?“<br /> „Was ist mit meinen Eltern?“<br /> „Nun, wussten sie auch nicht Bescheid?“<br /> „Meine Eltern, meine Eltern...“ begann der Klavierspieler zögernd, „meine Eltern haben erst nach vielen Jahren mitbekommen, dass es das Zimmer mit dem Flügel überhaupt gab. Wieso hätten sie das auch wissen können? Beide sind übrigens bald danach gestorben.“<br /> Der Beamte stand auf. Er lief auf das Fenster zu, schob die Gardinen zur Seite & schaute nach draußen. „Es regnet“, sagte er nachdenklich. Dann drehte er sich um, presste kurz und kräftig seine Lippen aufeinander und sagte: „Diese Geschichte gefällt mir gar nicht. Etwas stimmt hier nicht.“ Er nahm sein Notizbuch in die Hand und wollte etwas schreiben, hielt dann inne und sagte vor sich hin: „Was soll ich denn aufschreiben?“<br /> „Nun ja, vielleicht die Wahrheit“, sagte der Klavierspieler.<br /> „Reden Sie bitte nicht von der Wahrheit! Die Wahrheit in Bezug auf dieses Ding hier“ - sein Zeigefinger wies in die Richtung des Flügels - „muss noch aufgedeckt werden. Was Sie mir erzählen, kann nicht als vollständige & hinreichende & befriedigende Wahrheit gelten. Halbe Wahrheiten soll & darf & kann man nicht dokumentieren!“<br /> „Sie scheinen das Ding hier nicht besonders zu mögen“, sagte der Klavierspieler.<br /> „Bitte?“<br /> „Den Flügel, meine ich...“<br /> „Was soll denn das? Mir ist das Ding scheißegal. Was mir nicht gefällt, ist die Geschichte, die Sie erzählen. Ich meine...“<br /> „Man kann Gegenstände nicht von ihren Geschichten trennen.“<br /> „Gegenstände, Gegenstände...“ rief der Beamte. „Sie haben keine Ahnung von Gegenständen. Wissen Sie, heute geht es um ein Klavier, gestern war es eine alte Dampfmachine, vorgestern, ja, was war es vorgestern? Ach ja, ein holländisches Gemälde mit Windmühlen & Bauern & Schiffen & Wolken & Heringen... Was die Holländer sich nicht alles zusammen malen – nicht zu fassen! Sie haben aber recht: Gegenstände soll man nicht von ihren Geschichten trennen! Und deswegen...“<br /> „Die Geschichte des Flügels ist leider ein Geheimnis“, sagte der Klavierspieler.<br /> „Unfug“, sagte der Beamte, „wenn man will, kann man alles erklären.“ Er nahm sein Notizbuch & schrieb etwas hinein. „In sechs Wochen komme ich wieder“, sagte er dann. „Nutzen Sie die Zeit bis dahin bitte, um die Wahrheit aufzudecken.“<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-8313470917334803924?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com10tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-7064033900386237582009-05-19T11:07:00.001+02:002009-05-19T21:13:22.287+02:00Neuigkeiten aus dem Badezimmer. Über Poesie & Zeit & NachrichtenPsychologische Erklärungen sind fast nie poetisch. Sie decken auf, dass heißt: sie erzählen Geschichten hinter und über Geschichten. Mit einem psychologischen Blick wird die Geschichte eines seelischen Schmerzes in die Vergangenheit gestoßen & dort mit einer neuen Geschichte verwechselt, zum Beispiel über einen Vater, der mich oder dich oder ihn oder sie nicht angenommen hat, oder über eine Mutter die – naja, was könnte sie nicht alles getan haben.<br /><br />Die aufgedeckte Geschichte gilt als Erklärung für die vorherige Geschichte, die immer irgendwie eine Beschwerde beinhaltet. Seelischer Schmerz wird in der Psychologie als eine Wirkung in der Gegenwart von einer Ursache die in der Vergangenheit liegt verstanden. Hinter der psychologischen Vorgehensweise steckt ein Zeitbegriff, der besagt, dass die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt wird.<br /><br />In der Poesie ist ein anderer Zeitbegriff wirksam. Der Dichter Novalis hat es so gesagt: „Der Sinn für Poesie hat nahe Verwandtschaft mit dem Sinn der Weissagung und dem religiösen, dem Sehersinn überhaupt. Der Dichter ordnet, vereinigt, wählt, erfindet – und es ist ihm selbst unbegreiflich, warum gerade so und nicht anders“. Man könnte es vielleicht auch so sagen: In der Poesie wirkt das, was im Kommen ist.<br /><br />Mit Poesie ist hier nicht Dichtung gemeint. Man kann den Worten natürlich unterschiedliche Bedeutungen beimessen, ich meine mit Dichtung aber die Tätigkeit die zu literarischen Texten führt & die Texte selber. Poesie verstehe ich als eine Aufmerksamkeitshaltung, eine seelische Orientierung auf die Welt & das Leben & die Menschen & die Ereignisse & die Gegenstände. Poesie führt dazu, dass die stumme Sprache-der-Dinge auf einmal zur Botschaft werden. Man kann Poesie haben ohne Dichtung, Dichtung ohne Poesie gibt es nicht.<br /><br />Auch ein Poet geht morgens ins Badezimmer um sich zu waschen, seine Zähne zu putzen & sich heute-oder-heute-vielleicht-doch-lieber-nicht zu rasieren. Gleichzeitig aber lässt er das Badezimmer auf sich zu kommen wie eine Art kuriose Neuigkeit, wie ein überraschendes Gebilde, das sich im Hier & Jetzt offenbart. Was er im Badezimmer hört & riecht & sieht & spürt & schmeckt & denkt & fühlt & will – was zeigt mir der Spiegel heute? - beinhaltet für den Poeten eine Bedeutung, die etwas über funktionale Bedeutungen hinaus geht.<br /><br />Eigentlich ist es nicht richtig zu sagen, dass der Poet ins Badezimmer geht – treffender könnte man sagen, dass er das Badezimmer auf sich zu kommen lässt. Er befindet sich in einer „rückwärtsgehenden Evolution“ (Rudolf Steiner), die von der Zukunft ausgeht & uns in der Gegenwart trifft. In diesem zweiten Zeitstrom liegt das Ziel nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit – es ist die Verwandlung des Gewordenen. Laut Rudolf Steiner ist die Erkenntnis der zweiten Evolution eine Bedingung für das „geistige Schauen“.<br /><br />Ein Poet praktiziert das geistige Schauen. Samuel Taylor Coleridge (siehe das aktuelle Motto meiner Website) spricht an dieser Stelle von einer ersten & einer zweiten Imagination. Die erste Imagination bezieht sich auf jegliche spontane & unbewusste menschliche Wahrnehmung, die zweite versteht er als ein Echo der ersten, mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie mit unserem bewussten Willen zusammenfällt („co-existing“). Das geistige Schauen ist laut Coleridge eine bewusste Wiederholung-in-der-Endlichkeit von dem „ewigen Schöpfungsakt in das unendliche ICH BIN“. Novalis sagt an dieser Stelle: „Der Dichter erfindet“.<br /><br />Wo in der Psychologie gerne eine zweite „erklärende“ Geschichte“erzählt wird, entwirft & kreiert & gestaltet die Poesie nur ERSTE Geschichten, die allerdings nicht als Erklärungen gelten, sondern eher als Bezauberungen & Weissagen & Öffnungen. Poetische Geschichten greifen in die Vergangenheit heftig ein, nicht weil sie dort etwas erklären, sondern weil sie berühren. Die Kraft der poetischen Verwandlung liegt darin, dass das Badezimmer zum Einweihungsort erhoben wird.<br /><br />In einer Kultur des Herzens werden poetische Geschichten erzählt. Es wird eine Zeit geben – in fünfzig oder achtzig oder hundert Jahren? – in der die Nachrichtendienste sich nicht nur mit äußeren Tatsachen beschäftigen: so und so viele Arbeitslose, so und so viele Verluste im Krieg, so und so viele Verkehrsunfälle, und wie das alles zu bewerten wäre... Die journalistische Aufmerksamkeit wird auch die Neuigkeiten an der poetischen Front betreffen:<br /><br />„Köln, 18. Mai. In einem Badezimmer in der Kölner Innenstadt wurde heute Morgen festgestellt, dass eine dreifache Spiegelung zwischen Fenster, Fliesen und Spiegel in der Seele eines achtundfünfzigjährigen Mannes eine Verwirrung hervorrief. Für einen kurzen Moment glaubte der Mann ein Gespenst zu sehen, dann verstand er aber, dass er sich selber sah. Der Mann freute sich darüber, sich selber unvorbereitet gesehen zu haben. Das bringt richtig etwas, meinte er.“<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-706403390038623758?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com7tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-63936543631814273352009-05-17T19:04:00.002+02:002009-05-17T19:26:51.360+02:00Susanne Sturm schrieb: „Wir MCSler sind Kanarienvögel“Also, seitdem ich mich so anders ernähre, gebrauche ich viel mehr Salz. Fast scheint es mir, als ob manches mal mir das Salz die Süße ist. Nicht jedes Salz ist gleich gut, am liebsten mag ich Steinsalz. Auch Himalayasalz ist gut, natürlich ist es auch ein Steinsalz, aber das, was ich meine, ist das Steinsalz aus einer bestimmten Gegend. Himalayasalz, das war mal, jetzt das Steinsalz aus meiner Heimat.<br /> Salz auf meiner Haut, ein Roman, den mochte ich auch, das war auch mal. Echtes Salz auf meiner Haut nach dem Baden im Meer, das liebe ich ebenfalls, vor allem Salz in meinem Haar. Dann wird es so besonders, und meine Locken können Locken sein, eher klein und unaufdringlich, aber doch da, stetig und gedreht. Die Sonne macht es dann hell und ich fühle mich sommersprossig gut.<br /> Salz in der Wunde ist nicht so gut, aber irgendwie manchmal doch. Einen Moment halte ich die Luft an, spüre den Schmerz und atme ihn weg. Es sind aber auch nur kleine Wunden, wie es bei den großen wäre? Ich weiß nicht, ob ich so lange den Atem anhalten könnte. Wunden, die noch tiefer sind und schon Narben gebildet widerstehen dem Salz und der Atem kann endlos angehalten werden.<br /> Salz heilt aber auch.<br /> Gurgeln mit Salzwasser.<br /> Zähneputzen mit Salz.<br /> Salz auf Bilder kippen, den Boden scheuern.<br /> Salz als Mutprobe, mit zehn und noch zwei weiteren Mädchen. Heimlich mitgenommen von zu Hause, in einem Kaffeepapierfilter. Aber dann doch nicht genommen, es war einfach zu eklig, und dann war es uns auch zu blöd. Wir waren trotzdem Freundinnen und ein geheimer Bund im Gartenhaus von Birgit.<br /> Salz auch auf Weinflecken im Teppich oder der Tischdecke, schnell, schnell, ehe es eingetrocknet ist. Salz als Brocken, den mein Vater aus einem Bergwerk mitbrachte; er durfte einfahren, als Gewerkschaftssekretär, ich nicht, ich war ein Kind und ein Mädchen, kein Mann. Nur Männer dürfen Unter Tage. Merkwürdig. Und Schnupftabak aus Pfefferminzpulver schniefen sie durch die Nase, weil man dort unten nicht rauchen darf. Wieso brauchen Bergmänner überhaupt was für die Nase und Mund?<br /> Und wenn die Luft gar zu schlecht wird, dann sterben zuerst die Kanarienvögel, sie begleiteten die Männer, damit diese nicht starben und die Frauen nicht weinten und die Kinder ihre Väter hatten. Samstags gehört Vati mir. Und damit bin ich bei meinem Essen mit viel Salz, was so anders ist als bei andren und anders als früher bei mir.<br /> Wir, die MCSler, sind auch Kanarienvögel. Wir reagieren als erste, so wie die Wälder und die Vögel im Bergwerk, die Bienen. Vielleicht achtet man nicht auf uns, weil wir vorher nicht so schön gesungen haben. Mädchen die pfeifen, Hühner die krähen, den sollten man beizeiten die Hälse umdrehen. Krause Haare krauser Sinn, sitzt nichts als der Deibel drin.<br /> Du renitente Hexe.<br /> Gut, dass mein Vater ein Gewerkschaftssekretär war, für ihn war ich der Goldfasan.<br />Susanne Sturm<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-6393654363181427335?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com0tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-66390826824730524042009-05-12T09:42:00.001+02:002009-05-12T11:34:41.662+02:00Sammy und Samuel heute. „Erzähl mir mal eine Geschichte!“Sammy: „Lieber Samuel, wenn ich auf dich schaue, habe ich das Gefühl, dass du Geschichten erzählen möchtest – aber dennoch schweigst. Was hält dich davon ab, dich in die Sprache hinein zu bewegen? Warum kommst du nicht vom Fleck? Hast du nicht einmal gesagt, dass du dein Leben den ungeschriebenen Gedichten widmen willst?“<br /><br />Samuel: „Du hast Recht; in mir gibt es tausend Geschichten. Oder müsste ich sagen, dass die Geschichten mich wie Vögel umgeben? Manche dieser Geschichten stehen still auf einem Bein im Wasser & warten, andere taumeln kreischend im Wind, noch andere hüpfen hübsch von Ast zu Ast, wieder andere kreisen hoch oben in der blauen Ferne. Du weißt doch, Sammy, wie es mit den Vögeln ist: sie sind schwer zu ergreifen.“<br /><br />Sammy: „Geschichten erzählen, heißt also Geschichten ergreifen?“<br /><br />Samuel: „Nein, wenn ich behaupte, dass Geschichten ungreifbar sind, stimmt das schon – dennoch mache ich es mir damit leicht. Geschichten soll man nicht ergreifen wollen, weil sie in unseren Händen sterben. Sich auf eine Geschichte einzulassen, heißt gerade das Umgekehrte: man lässt sich selber los & man fliegt mit & man taumelt & schwankt & stürzt & lässt sich letzten Endes vielleicht wie ein landender Schwan auf dem Wasser ausgleiten.“<br /><br />Sammy: „Und damit tust du dich schwer?“<br /><br />Samuel: „Ja. Ich sitze manchmal in mir & bei mir & eben neben mir & sehne mich nach Luftbewegungen, nach kreisen & umkreisen (Rilke: Bin ich ein Falke?) & stelle fest, dass ich unbeweglich wie ein Turm in der Landschaft stehe. Du hast es schön gesagt: Ich komme nicht vom Fleck. Dieses in mir & bei mir & eben neben mir Sitzen ist eine tödliche Fixierung. Es führt dazu, dass ich selber nicht einmal zu einer Geschichte werden kann.“<br /><br />Sammy: (...)<br /><br />Samuel: „So ist es! Es gibt Schweigen & Schweigen. Das erste Schweigen ist wie eine Verankerung in deinem Leib & in deinen Erinnerungen & in deinen Hoffnungen & in deinen alten Selbstentwürfen... So ist es mit Türmen: sie sind gebaut worden, um uns zu schützen. Wenn ich in meinem Turm sitze & schweige, weil ich Angst habe, schweige ich mich in das Salz hinein. Der große Dichter aus Chile, Pablo Neruda, nannte das: die begrabene Geometrie, die Schule des Salzes. Dieses Schweigen bedeutet bewahren.“<br /><br />Sammy: (...)<br /><br />Samuel: „Das zweite Schweigen bedeutet Wink & neuen Anfang. In diesem Schweigen machen sich die Geschichten vom Gewordenen los & heben sich aus den Angeln der Quadratur & stülpen sich um & lassen sich durch die Archive der Zukunft anziehen. In dieser Schule der warmen südlichen Luft werden sie neu geboren. Sammy, wenn ein Mensch zu einer fliegenden Geschichte wird, heißt das, dass er Flügel bekommt.“<br /><br />Sammy: „Erzähl mir mal eine Geschichte!“<br /><br />Samuel: „Heute morgen saß ich bei mir & in mir & neben mir. Um mich herum gab es die stillen Geräusche der Stadt: die Autos & die Züge & die Bauarbeiten & die Stimmen der Nachbarn... Und ich hatte das Gefühl, dass keines dieser Geräusche eine Botschaft für mich enthielt. Die Welt war stumm & von mir abgekoppelt. Als dann ein Handy klingelte, merkte ich nicht einmal, dass es mein Gerät war.“<br /><br />„Das Handy machte einen zweiten Versuch & ich stellte fest: jemand versucht mich zu erreichen! Ich ging an den Apparat, sagte: mit Samuel Coster & hörte zu. Was ich aber hörte, war ein merkwürdiges Geräusch, ein Klick-klack-klick-klack, fast so, als ob jemand irgendetwas Holzartiges hinter sich her eine Treppe hoch schleppt. Auf mein Hallo-Hallo-Hallo folgte keine Reaktion. Ich wartete & wartete & hörte das Klicken & Klacken & dazu noch Geräusche, die ich gar nicht einordnen konnte.“<br /><br />„Dann gab es auf einmal eine metallene Stimme, die deutlich hörbar sagte: ‚Der Zug nach Basel hat zwanzig Minuten Verspätung’. Das Klicken & Klacken hörte sofort auf & eine mir unbekannte Stimme sagte: ‚Scheiße!’ Dann fing das Klicken & Klacken wieder an & kurz darauf riß die Verbindung ab.“<br /><br />Sammy: „Ist das eine Geschichte?“<br /><br />Samuel: „Nein, eigentlich nicht. Es ist ein Erlebnis. Es kann aber eine Geschichte werden, wenn ich es will.“<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-6639082682473052404?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com9tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-13042136059215793422009-05-04T12:33:00.001+02:002009-05-04T12:33:54.514+02:00Samuel hat heute das Gefühl: „Ich müsste ihr einen Brief schreiben“.„Ich müsste ihr einen Brief schreiben. Schreiben, dass es mir nach fünfunddreißig Jahren noch immer Leid tut. Dass irgendetwas unerledigt geblieben ist, weil ich damals gar nichts verstanden habe. Dass ich damals nicht einmal verstanden habe, dass es etwas zu verstehen gab. Ich möchte erfahren, ob sie damals etwas verstanden hat & was sie jetzt versteht. Ich möchte wissen, wo sie in all den Jahren war & was sie gemacht hat – ob sie einen Geliebten gefunden hat, Kinder bekommen hat, und vor allem: ob sie wirklich so enttäuscht war, wie ich mir das heute vorstelle. Ja, warst du enttäuscht? Nein, so müsste ich schreiben: Bist du noch immer enttäuscht? Nach all den Jahren? So wie ich irgendwie auch enttäuscht bin, nach all den Jahren, weil ich damals gar nichts verstanden habe? Gibt es in dir, irgendwo tief versteckt, noch einen Schmerz, weil ich dich damals nicht mehr wollte? Weil ich in mir blieb, bei mir blieb & nicht zugelassen habe, dass du dich in mir fortsetzen konntest, dass du mit deinem Lachen, mit deinem Schweigen, mit deinen Hoffnungen in mir einen Ort finden konntest, einen zweiten Platz um zu sein – ja, eine zweite Unterkunft braucht man ja! Warum? Um von außen in einer fremd-vertrauten Innerlichkeit auf sich selber schauen zu können, um einen musikalischen Raum zu haben, den man betreten kann & in dem man versteht: diese Musik betrifft mich! Wo man sich in fremd-vertrauten Motiven aufgehoben fühlt, wo man spürt: ich bin in dem verwirrenden & absurden & verzwickten Leben eine erkennbare Melodie. (...) Habe ich damals von dir gesungen? Nein. Ich konnte es nicht. Heute, ja heute, nach fünfunddreißig Jahren, versuche ich irgendwie von dir zu singen, weil deine Art mir erst jetzt klar geworden ist, ich meine: erst jetzt sehe ich deine Aufrichtigkeit & Schweigsamkeit & Liebe. Vielleicht ist es so, dass du mich geliebt hast. Darf ich dich heute fragen: hast du mich geliebt? Oder darf ich diese Frage nicht stellen, nicht mehr stellen, weil ich sie damals nicht gestellt habe? War es gerade diese Frage, die ich nicht ertragen konnte? Nicht denken konnte. Und nicht spüren oder fühlen wollte? Darf ich die Frage nicht stellen, weil es mir auch heute noch kalt wird, wenn ich daran denke, dass ich damals deine Aufrichtigkeit & Schweigsamkeit & Liebe nicht einmal sehen konnte, nicht anerkennen, nicht würdigen konnte? Gibt es in mir noch immer keinen Grund, mich dir zuzuwenden & dich zu fragen ob... Ich möchte wissen - ja, warum eigentlich? - ob du damals sprachlos warst, weil ich ein unausgesprochenes Versprechen nicht einhalten konnte & auf einmal so handelte als ob ich deine Melodie nie gehört hätte? Habe ich dich verraten? Und mache ich das eigentlich noch immer, weil ich schreibe: ich konnte damals deine Art nicht sehen? Ja, es ist wahr, ich habe deine Art wohl gesehen, oder gespürt, oder geahnt... Vielleicht stimmt es so: nicht gesehen, wohl aber geahnt... Ein Mensch braucht offenbar bittere Erfahrungen um Ahnungen in Vorstellungen & Gedanken & Begriffe verwandeln zu können. Ich hatte damals keine Ahnung von Ahnungen. (...) Du hast damals verstanden, was ich suchte. War mir das zu viel? Du hast mir Mingus & Zappa & Wittgenstein & die russischen Ikonen gebracht. Und Osiris & Isis & Horus. Und deinen Vater, der schon gestorben war. Und deinen Bruder, der bald sterben würde. Und deine Beine in hohen Stiefeln. Und dein stilles Lachen – ja, was könnte ich heute über dein Lachen sagen? Irgendwie schien mir dein Lachen ein Versprechen zu sein, eine breite Landschaft bis zum Horizont, ein Freiraum... War mir das alles zu viel? Ja, mit Charles Mingus & Ludwig Wittgenstein & Andrei Rublev ist mein Leben weiter gegangen & auch mit Osiris & Isis & Horus & später sind Apollo & Orpheus & Miles Davis & Captain Beefheart & Rainer Maria Rilke & Virginia Woolf dazu gekommen & ´Hulshorst, als vergeten ijzer is je naam`. Es ist weiter gegangen, aber ohne deinen verstorbenen Vater, ohne deinen Bruder, ohne dich. Du wurdest ein Loch in mir, eine dunkle Stelle, worauf ich nicht schauen wollte oder konnte, ein Zimmer hinter einer verschlossenen Tür. (...) Eigentlich möchte ich dir einen Brief schreiben mit der Frage, ob ich dir einen Brief schreiben darf. Ich weiß aber, dass du diese Frage nicht beantworten kannst, weil nur ich das kann. Es ist ja meine Frage an mich: darf ich dir einen Brief schreiben? Oder besser: darf ich ihr einen Brief schreiben? Gerade mit dieser Frage hast du ja gar nichts zu tun. (...) Ich weiß nicht einmal wo sie lebt. Vielleicht ist sie schon lange aus der Großstadt weg & lebt irgendwo am Meer, wo die Möwen sich kreischend in die Höhe mitnehmen lassen & sich dann in die Tiefe stürzen & dort einen Fisch schnappen & wieder nach oben schwenken.“<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-1304213605921579342?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com12tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-10247680026792126922009-04-28T10:45:00.001+02:002009-04-28T10:47:23.206+02:00Text als Teppich. Über Samuel und einen Händler... und ja, Samuel hatte es schon verstanden! Das Grinsen des Händlers hatte sich wie ein Vogel von seinen Lippen befreit und sich breit über die Straße & über die Dächer bis zum Horizont ausgeweitet. Und Samuel war mit aufgestiegen, über die Straße & über die Dächer, wie ein Vogel, und er hatte gesehen, wie das Grinsen sich dort, wo die Erde sich zurücknimmt, auflöst. Das Grinsen, dachte Samuel, hört nicht da auf, wo der Mund Wange geworden ist, sondern dehnt sich – auch wenn wir es nicht merken – über die erkennbaren Grenzen von Stadt & Landschaft & Himmelskuppel aus. Und wenn ich will, so meinte er, kann ich mit aufsteigen - mit dem Grinsen des Händlers, der ja plötzlich vor mir stand und dann grinste, weil er meine Hilflosigkeit sofort erkannte. Ich brauche ja nicht bei dem Mann zu bleiben, der auf mich schaut und meine Gifte achtlos genießt, als wäre ich eine Zigarette. Das Grinsen hat eine schwingende Kraft nach oben & auf den Wellen kann man bis in den Himmel surfen. (...) Bald aber war Samuel wieder auf seine Füße zurückgekehrt, weil das Grinsen unerkennbar & irgendwie Atem geworden war & keinen Halt mehr bot. Er war in der sonnigen Stadt weiter gewandert, den Teppich unter seinen Arm gerollt, den Verkäufer noch in Gedanken. Der Mann, meinte Samuel, hat seine Nase tief in meine Angelegenheiten gesteckt & sein Blick hat so gestochen, wie sonst nur Pfeile stechen. Alles an ihm schien scharf & kantig & schmutzig – nur seine Hände nicht, die waren sanft & fein. Er hat mit seiner Hand, dachte Samuel, die Haut des Teppichs gestreichelt & für eine Weile gar nicht gegrinst & ohne Worte auf der sanften Fläche verweilt, als wäre er in der Wüste, als wären seine Kinder dabei, vielleicht sogar seine Mutter. Die Finger hatten zarte Spitzen & die Nägel waren weit zurück geschnitten & die Farbe der Haut war rosa & Samuel meinte: zehn samtweiche Berührungsfläche – und alles was die Finger berühren, wird in lebendige Haut verwandelt! (...) Bin ich jetzt Haut geworden, dachte Samuel? Nein, ich trage meine Haut unter meinem Arm mit. Und wenn ich will, nur wenn ich will, kann ich meine Haut ausrollen & sie berühren lassen. (...) Der Händler war auf einmal aufgetaucht – wie Samuel meinte: aus dem Erdboden aufgeklumpft, aufgestapelt, oder besser: aus dem Nichts aufgerichtet. Der Grund seines Daseins, dachte Samuel, liegt unter meinen Füßen. Und weil ich auf der Flucht bin, ja immer immer immer auf der Flucht bin & meine Füße sich wie Klumpen auf der Erde bewegen, ja immer immer immer fortbewegen, ohne inne zu halten, ohne zu hören, ohne zu berühren, entstehen da unten Löcher & Löcher & Löcher – Schritt um Schritt Löcher & in den Löchern entstehen die Händler & aus den Löchern kommen die Händler zum Vorschein & sagen: Halt! Gerade das hatte der Händler gesagt: Halt, und ja, Samuel hatte es schon verstanden! Das Grinsen des Händlers... <br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-1024768002679212692?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com10tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-57675305534107052982009-04-21T09:53:00.002+02:002009-04-22T10:46:45.622+02:00Erschütterung & Verschweigung. Über meinen zweiten HerzinfarktAnfang Februar hatte ich meinen zweiten Herzinfarkt. Ich schreibe „meinen“, weil Herzinfarkte individuell geprägt sind. Mit Herzinfarkten ist es wie mit dem Geboren werden und dem Sterben: jeder Mensch hat seine eigene Geburt & seinen eigenen Tod. Mein zweiter Herzinfarkt kam schnell, kräftig & direkt. Weil ich die Zeichen sofort erkannte & eine Kollegin mich binnen zehn Minuten ins Krankenhaus bringen konnte, habe ich die Krise überlebt.<br /><br />Letzte Woche traf ich eine andere Kollegin. Sie kam auf mich zu, umarmte mich, schaute mich an & fragte spontan: „Was ist anders an dir geworden? Irgendwie hast du dich verändert!“ Weil wir in einem Raum mit vielen anderen Menschen waren, konnten wir nicht wirklich miteinander reden. Und ich sagte: „Nun ja, ich habe mich schon ein paar Wochen nicht mehr rasiert. Vielleicht liegt es daran?“ Es war mir aber klar, dass etwas anderes gemeint war.<br /><br />In den letzten Monaten haben mich viele Bekannte & Kollegen & Freunde gefragt, wie es mir geht, was der Infarkt mit mir macht & wie ich daran arbeite, einem Nächsten vorzubeugen. Und ich habe versucht, so gut wie es eben geht, diese Fragen zu beantworten. Nein, leicht fiel mir das nicht, gerade weil es „meinen“ Herzinfarkt betraf. Dazu kam, dass eindeutige Antworten leider nicht vorhanden waren. <br /><br />Ich hatte eher das Gefühl, mich innerlich in einer Spiegelgalerie von Bedeutungen zu befinden. Schaute ich nach links, sah ich mich von hinten gespiegelt, und dachte: siehst du, es geht dir beschissen; schaute ich nach rechts, sah ich mich von vorne, und dachte: ach, es geht dir doch ganz gut! Die Botschaften meines Körpers & meiner Seele waren richtig widersprüchlich & deswegen verwirrend.<br /><br />Was machen Herzinfarkte? Bei mir führen sie erst einmal dazu, dass ich auf alles schaue, was ich in meinem Leben falsch gemacht habe. Und das ist ziemlich viel. Exzessiv rauchen, zu viel essen (fett), mich zu wenig bewegen (ich hasse sportliche Tätigkeiten), unregelmäßig und ohne Tagesrhythmus leben, und vor allem auch: immer wieder den Stress aufsuchen – so, als ob der Stress verrät, wo das richtige & prächtige & spannende Leben ist.<br /><br />Herzinfarkte können uns auf eine Schiene bringen, die weit & tief ins Abseits führt. Dort im Abseits herrscht die klare Kenntnis, dass ich in meinem Leben völlig daneben war & immer noch bin. Im Abseits klingt die Frage: Was wäre Positives über dich zu sagen, wenn du nicht einmal im Stande bist, dein Leben verantwortungsvoll in die Hand zu nehmen? Ist dein Infarkt nicht ein Beweis dafür, dass du das Leben ganz & gar nicht verstanden hast?<br /><br />Ich bin in den letzten Monaten auf diese Schiene geraten. Ein Abgrund hatte sich geöffnet & die Finsternis drohte mich zu verschlingen. Ich sah nur noch EINE Leiter nach oben. Die Stufen dieser Leiter bestanden aus einer Liste von harten Aufgaben: aufhören mit dem Rauchen, gesünder essen, mich sportlich bewegen, rhythmisch leben, innerlich Frieden finden... Und ich muss zugeben: manchmal hat die Liste mich komplett überfordert.<br /><br />„Was ist anders an dir geworden?“ Diese Frage meiner Kollegin holte mich aus dem Abseits – sie wirkte so, als ob ich auf einmal frei & neu auf mich schauen konnte. Die Frage wendete meinen Blick nach innen. Und was ich sah, war eine Person, die ins Zentrum ihres biographischen Knotenwerks geraten war. Man könnte auch sagen: ich sah mich nach innen „implodiert“, und bis in die inneren Gefüge meines Schicksals gedrängt.<br /><br />Ich schaue den ganzen Tag nach innen. Ich sitze da irgendwo unten in einem Raum bei mir, nur bei mir – und in dem dürftigen Licht erscheinen Bilder aus meinem Leben. Obwohl der Raum ganz klein ist, wimmelt es dort von Erinnerungen. Und von Fragen. Zum Beispiel: als ich mich damals als Siebenundzwanzigjähriger dazu entschloss, für die Anthroposophie zu leben und zu arbeiten, was waren eigentlich meine Hoffnungen dabei? Und was habe ich dadurch meiner Familie zugemutet? Und meinen Freunden & Kollegen? Was habe ich mir zugemutet?<br /><br />Da ganz unten geht es nicht um Wahrheiten & Schönheiten, sondern um Intentionen. Was wollte ich eigentlich erreichen? Wenn ich auf meine damaligen Erwartungen & Hoffnungen schaue & verfolge wie sie sich in meinem Leben weiter entfaltet, oder gerade nicht entfaltet haben, wird mir klar: in meinem Leben brennt ein richtiges Feuer.<br /><br />Was mich da ganz unten aber auch beschäftigt, ist eine Erschütterung. Viele Hoffnungen & Erwartungen sind nicht eingetreten. In dem spärlichen Licht in meinem „Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen“ (Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus) sieht mein Leben wie eine unfertige Baustelle aus. Ja, viele Ansätze, viele Versuche, viele Aussichten sind vorhanden... Ein strahlendes Gesamtkunstwerk ist nicht zu entdecken.<br /><br />Ich glaube, dass ich noch eine Weile da unten bleibe. Das Sitzen-in-mir im dürftigen Licht macht keinen Spaß, bringt aber vielleicht gerade das, was ich dringend brauche: Verwurzelung & Verschweigung & Verwandlung.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-5767530553410705298?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com12tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-39167016048375342962009-04-15T22:33:00.001+02:002009-04-15T22:34:58.407+02:00Archiv der Zukunft (2). Erziehung & Bildung zur FreiheitIn meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass das Netzwerk „Archiv der Zukunft“ als eine Kultur des Herzens zu verstehen ist. Typisch in einer Kultur des Herzens ist es, dass Bildungshäuser – wie der Initiator Reinhard Kahl schreibt - als „irdische Kathedralen, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will“, aufgefasst werden können. Dieser Gedanke beinhaltet eine Umkehrung, die für eine Kultur des Herzens entscheidend ist.<br /><br />Erst einmal die Frage: warum spricht Reinhard Kahl von (irdischen) Kathedralen? Die Formulierung erinnert an Emmanuel Lévinas, der von der „heiligen Kathedrale“ zwischen mir & dir, zwischen uns... spricht. Das, was in der Nähe zwischen Menschen geschieht, geschehen kann, geschehen darf, das, was uns gegenseitig gestaltet, also bildet, ist ein sakrales Geschehen. Das religiöse Erleben verlagert sich auf eine horizontale-weil-soziale („irdische“) Ebene.<br /><br />Bildungshäuser sind soziale Orte, in denen vor allem Begegnung stattfinden soll. Bildung geht aus einer Begegnung hervor, immer und immer... Die Begegnung mit mir, die Begegnung mit dir & mit euch, die Begegnung mit den Dingen-der-Welt, die Begegnung mit Gedanken & Ideen... Bildung hat also nur indirekt mit der Vermittlung von Wahrheiten & Erfahrungen & Werten & Normen zu tun. Wenn Wahrheiten & so weiter & so fort ohne Nähe=Begegnung vermittelt werden, findet keine Bildung statt.<br /><br />Das Bildungsideal als Begegnung lebte zum Beispiel noch stark in der Schule von Chartres (ja, die Kathedrale gibt es immer noch, die Schule leider nicht mehr), in der vor etwa neunhundert Jahren Schüler & Lehrer zusammenkamen, um gemeinsam Fragen zu bewegen. Vereinfacht gesagt verlief das so: die Erfahrenen (die Lehrer) wussten, dass sie ohne die frischen & lästigen & verwirrenden Fragen der begeisterten Neulinge (der Schüler), gar nicht wissenschaftlich arbeiten konnten.<br /><br />Ja, wie heißt man die neue Generation willkommen? Ich würde sagen auch dadurch, dass sich eine richtige Kultur des Fragenfindens & Antwortenfindens entwickelt. Ich meine damit nicht nur Fragen & Antworten die in Worte gefasst werden, so wie man das mit (sogenannten) Schulkindern schon machen kann, sondern auch die „stumme Sprache“ (Walter Benjamin) der ganz Kleinen. Man braucht nicht immer Worte zu hören, um etwas zu verstehen.<br /><br />In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der holländische Anthroposoph Bernard Lievegoed (1992 verstorben) dieses Bildungsideal als Ausgangspunkt für die von ihm gegründete Vrije Hogeschool in Zeist ergriffen. In dem sogenannten „propädeutischen Jahr“ kamen – und kommen noch immer - Adoleszenten & Mentoren & Dozenten zusammen, um gemeinsam die Fragen zu finden & zu bewegen, die biographisch auftauchen wollen.<br /> <br />Wie werden Horte & Kitas & Schulen & Hochschulen & Universitäten zu irdischen Kathedralen, an denen sich die Gesellschaft vergewissert, was sie will? Ich meine, dass dazu gedanklich erst eine Umkehrung nötig ist. Es ist nicht die Gesellschaft, die bestimmen soll, wie die Bildungshäuser eingerichtet werden – nein, es ist umgekehrt, die Kinder & Jugendlichen & Studenten, werden bestimmen, wie eine zukünftige Gesellschaft werden soll.<br /><br />Und das bedeutet: Erziehung & Bildung zur Freiheit. Die aktuelle Gesellschaft soll komplett vergessen, dass sie etwas von den Neulingen zu erwarten & zu verlangen & zu fordern hat. Die Kinder & die Jugendlichen & die Adoleszenten sind nicht da, um die heutigen Bedürfnisse der heutigen Erwachsenen bis in eine weite Zukunft hinein zu befriedigen. Sie haben von sich aus etwas vor, eine (vielleicht noch) verborgene Tagesordnung, die ans Licht treten will. <br /><br />In Bildungshäusern sollte es also vor allem darum gehen, die menschlichen Beziehungen so zu leben, dass die Zukunft auch tatsächlich in der Zukunft ins Licht treten kann. Und das geht nur, wenn die Neulinge erstens als Springbrunnen (und nicht als Vasen, die man voll gießen soll) ernst genommen werden – als Quellen der Zukunft also, und zweitens dazu ermutigt werden, die Freiheit zu ergreifen. Die Übung zur Freiheit ist in einer Kultur des Herzens eine (harte-aber-schöne) Hauptarbeit.<br /><br />Die Gesellschaft ist leider ganz & gar nicht daran interessiert, etwas von dem mitzubekommen, was in Bildungshäusern geschieht. Erziehung & Bildung sind nicht sexy. Die öffentliche Gesellschaft ist weit von dem Gedanken entfernt, dass man auf Kitas & Kigas & Schulen schauen soll, um sich zu vergewissern, was man will. Und auch Erzieher & Lehrer zeigen ihren Stolz nicht öffentlich: schaut auf uns, auf das, was wir in unserer Arbeit mit den Kindern & Jugendlichen erfahren und feststellen. <br /><br />Nein, Erzieher & Lehrer verstecken sich. Nur Banker & Unternehmer & Fußballer & Politiker scheinen sich ihren beruflichen Stolz öffentlich leisten zu können. Schade, weil es wahr ist: in Bildungshäusern ist richtig etwas los.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-3916701604837534296?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com6tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-16444603997837703942009-04-11T13:59:00.002+02:002009-05-10T23:46:07.617+02:00Archiv der Zukunft. Bildungshäuser als irdische Kathedralen„Sollten Schulen und andere Bildungshäuser nicht irdische Kathedralen werden? Orte, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will?“ Diese strahlenden Sätze sind auf der Website www.adz-netzwerk.de zu lesen. Der Name der Website ist: „Archiv der Zukunft“. Auf der Startseite wird deutlich, dass die Website ein klares Ziel verfolgt, nämlich den Aufbau eines Netzwerkes von Pädagogen & Wissenschaftlern & Eltern & Kindern & Jugendlichen & Politikern & allen möglichen Menschen mehr einzurichten. <br /><br />Wozu? Um von dem Bildungskrampf, den Deutschland plagt, weg zu kommen. Um Bildung wieder genießbar zu machen. Um das winkende & spannende & richtige Leben selber in Bildungseinrichtungen eine Chance zu geben. Ja, um die Kitas & Kigas & Schulen in der Gesellschaft zu strahlenden Orten des heiteren Entdeckens zu machen.<br /><br />Der Initiator Reinhard Kahl schreibt: „Wenn Schulen ´lernende Organisationen´ werden, verwandeln sie sich gewissermaßen in Individuen. Sie leisten sich eine Biographie, wie sie Personen haben, denn nur Individuen können lernen. Es beleidigt sie, geklonte Exemplare einer perfekten Vorlage sein zu sollen. Das lief schon immer auf das Verbot hinaus, lebendig sein zu dürfen.“<br /><br />Diese Sätze verraten, dass Reinhard Kahl versteht was Bildung ausmacht. Bildung geht aus der Beziehung zwischen konkreten Menschen hervor – Menschen die etwas wollen, die Absichten haben, die leidenschaftlich Ziele verfolgen, die auf der Suche sind... Um Bildung geschehen zu lassen, reicht es nicht aus, ein rein pädagogisches Ziel zu haben. Für alle Beteiligten – die Kinder, die Eltern, die Pädagogen – sollte das Leben selber die Quelle für Bildungsangelegenheiten sein.<br /><br />Und davon sind viele Kitas & Kigas & Schulen leider weit entfernt. Von den Erziehern & Lehrern & Pädagogen wird erwartet, dass sie die Kinder in eine vom Staat vorprogrammierte Langeweile einführen. Dass die Kinder und die Jugendlichen davon nicht begeistert sind (und eigentlich nur zur Schule gehen, um die Kameraden & Freunde zu treffen), scheint als collatoral damage einkalkuliert zu sein.<br /><br />Aus der Website geht hervor, dass das Netzwerk „Archiv der Zukunft“ schon vibriert. In allen Ecken von Deutschland gibt es mittlerweile eigenwillige Schulen, die sich tatsächlich eine Biographie leisten. Überzeugend sind auch die vielen Akademiker, die sich in dem Netzwerk melden – Wissenschaftler die sich wesentliche Gedanken über Bildung und über die gesellschaftliche Bedeutung der Bildungseinrichtungen machen. <br /><br />Ich meine: irgendwie riecht das Netzwerk gut. Ich würde in meinen Worten sagen: das „Archiv der Zukunft“ trägt dazu bei, dass eine Kultur des Herzens entsteht. <br /><br />Zwei Aspekte scheinen mir dabei eine entscheidende Rolle zu spielen. Der erste ist, dass der Initiator nicht ein bestimmtes Konzept verfolgt, sondern auf die bereits weit offen stehenden Türen eines geöffneten Raumes hinweist. Ohne Angst, ohne Bedenken, ohne Vorbehalte lädt er richtig dazu ein einzutreten. Er vertraut darauf, dass alternative Wege gefunden werden, wenn es gewollt wird. Anders gesagt: das Archiv der Zukunft ist in seinen Hoffnungen großzügig.<br /><br />Der zweite Aspekt ist, dass stark mit den Kräften der Zivilgesellschaft gerechnet wird. Das Netzwerk ist ein Flechtwerk von freien Bürgern, die freie Initiativen entfalten – auch wenn sie sich notgedrungen im Rahmen von Gesetzen bewegen. Bildung wird als eine freie kulturelle Angelegenheit verstanden, die vor Ort gestaltet wird, ein delikates Geschehen zwischen konkreten Menschen in spezifischen Momenten. Wenn man sich also in das Netzwerk einbringt, ist man sowieso schon ein Spezialist.<br /><br />In den Texten auf der Website ist eine gewisse „Weisheit“ spürbar. Die Fragen die gestellt werden, gehen schon ein bisschen über die übliche Ebene hinaus. So wird zum Beispiel die Frage gestellt: „Wie heißt man die nächste Generation willkommen?“ Auch hier zeigt sich die Stimmung einer Kultur des Herzens. Die Frage muss nämlich nicht sofort beantwortet werden – die Bedeutung der Frage liegt eher darin, dass ein offener Raum kreiert wird, in dem sich Unerwartetes großzügig zeigen darf.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-1644460399783770394?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com1tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-52213955740512006792009-04-06T10:07:00.001+02:002009-04-06T12:13:53.349+02:00Die unvollendete Mission von Pico della Mirandola. Über einen FrühlingDer Humanist & Philosoph Pico della Mirandola gehört zu den historischen Gestalten, die mich immer wieder stark berühren. Sein Leben und seine Arbeit stehen wie große Fragezeichen im Strom der Zeit. Und immer, wenn er in meiner Aufmerksamkeit auftaucht, scheint er zu sagen: „Vergiss bitte mein Rätsel nicht!“<br /><br />Direkt an seiner Seite erscheint auch immer sein Freund & Geliebter Angelo Poliziano. Er war ein Dichter, der kein Philosoph sein wollte, weil ihm die Schönheit vertrauter war als die Wahrheit; und weil er meinte, dass er sowieso nicht im Stande wäre, philosophisch auf gleiche Augenhöhe mit seinem zehn Jahre jüngeren Freund Giovanni zu kommen.<br /><br />Beide sind in Florenz kurz nacheinander gestorben: erst Poliziano im September 1494, dann Pico kaum zwei Monate später, einunddreißig Jahre alt. Man hat wohl gemeint, Pico wäre seinem Freund Angelo „nachgestorben“. Erst letztes Jahr, 2008 also, haben italienische Forensiker einwandfrei festgestellt, dass beide ermordet worden sind. Nach mehr als fünfhundert Jahren wurden hohe Dosen Arsen in ihren Gebeinen gefunden.<br /><br />Das Leben Pico della Mirandolas ist als ein gewaltiger Versuch des Strahlens zu verstehen. Er wollte Licht & Vertrauen & Energie in das trübe Denken seines Zeitalters bringen. Er meinte, dass die damaligen Kämpfe zwischen Platonikern & Aristotelikern auf einem Missverständnis beruhen würden. In seinen 900 Thesen, die er 1486 verfasst hat, wollte er eine Art Synthese von allen großen Wahrheiten aus den verschiedenen Religionen und Philosophien darstellen. <br /><br />Seine dritte These lautet: „Homo est homo“ – ein bisschen locker übersetzt heißt das: „Der Mensch ist die finale Ursache des Menschen.“ Mit diesem Satz wurde die Grundidee des Humanismus ergriffen.<br /><br />Über seine philosophischen Beiträge hinaus war auch seine Erscheinung strahlend schön. Seine Zeitgenossen berichten davon, dass Pico – er war körperlich groß, hatte eine enorme Nase & lange lockige Haare – immer die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen auf sich zog. In seinem menschlichen Verhalten schien er die Verkörperung des humanistischen Menschenbildes darzustellen.<br /><br />Pico hatte vor, seine 900 Thesen öffentlich in Rom zu verteidigen. Der damalige Papst aber, Innozenz VIII, erklärte Pico zum Ketzer – dreizehn seiner Thesen wurden als häretisch verurteilt. Und damit war die Sache gelaufen. Pico musste auf seinen Vorsatz verzichten & sah sich gezwungen, den liberalen Schutz von Lorenzo de Medici in Florenz zu suchen. <br /><br />Die einleitende Rede die er in Rom halten wollte, ist unter dem Titel „Über die Würde des Menschen“ berühmt geworden. In diesem Text schreibt er: „Möge unsere Seele vom heiligen Ehrgeiz ergriffen werden, nichts Mittelmäßiges anzustreben, sondern das Höchste zu ersehnen und mit aller Kraft uns anzustrengen, dies zu erreichen. Denn wir können es, wenn wir es nur wollen!“ (Yes, we can!) Pico begriff den Menschen als einen Gott der Freiheit & als einen Bildhauer des eigenen Lebens. Er stellte den Menschen auf eigene Beine, ohne erst Gott töten zu müssen – so wie Nietzsche.<br /><br />Pico wurde also erst als Ketzer zu einem Außenstehenden degradiert, dann wurde er ermordet. Nach seinem Tod aber war der Widerstand gegen seine Mission nicht vorbei. In seinem Buch „Syncretism in the West: Pico´s 900 Thesen“ macht S. A. Farmer glaubhaft, dass Picos Neffe Gianfrancesco Pico, die letzten Texte seines Onkels „überarbeitet“ hat, dass heißt: so geändert hat, dass man meinen könnte, Pico wäre am Ende seines Lebens ein Anhänger des Anti-Humanisten Savonarola geworden. <br /><br />Die Mission von Pico della Mirandola blieb unvollendet. Die Vehemenz seiner Widersacher macht deutlich, wie wichtig seine Mission war. Und es ist eigentlich nicht so schwierig, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn er seine Arbeit zur Ende hätte bringen können. Er hätte nämlich gedanklich-philosophisch das Spielfeld der Renaissance beschrieben. Die großen Arbeiten von Raffael & Michelangelo & Leonardo, die erst nach dem Tod von Pico entstanden sind, hätten eine gedankliche Einbettung gehabt. Anders gesagt: die Mission von Pico hätte dazu geführt, dass die Renaissance nicht nur eine künstlerische Sache geblieben wäre.<br /><br />Wenn wir heute an die Renaissance denken, denken wir vor allem an Kunst. Für Pico und seine Freunde Poliziano & Lorenzo war die Renaissance aber die Geburt eines Menschenbildes, das bis in das soziale & religiöse & politische & finanzielle Leben wirken sollte. An dieser Stelle ist ein Vergleich mit Joseph Beuys hilfreich: er sprach ja von einer „sozialen Plastik“ - das Prinzip der Kunst wurde von ihm über alle Aspekte des Lebens erweitert.<br /><br />Hinter die Wolken strahlt noch immer die Sonne von Pico della Mirandola. Manchmal entsteht da oben plötzlich eine Öffnung – und was dann kommt, nennen wir noch immer „primavera“. Richtig erstaunlich ist, dass nach mehr als fünfhundert Jahren, dieser Frühling noch genauso zerbrechlich & fragil & glitzernd ist. Manchmal denke ich: die Mission von Pico hat gerade erst angefangen.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-5221395574051200679?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com5tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-9757094873314598412009-04-01T00:09:00.000+02:002009-04-01T00:10:44.710+02:00Turm von Babel steht noch da (2). Sehen was es zu sehen gibtDer Turm von Babel ist nur noch ein Trümmerhaufen. Was irgendwann einmal ein wilder Sturz nach oben war, ist nunmehr ein Stumpf in der Geschichte, in mir, in dir, in uns geworden. Was einmal unvollendet aufgerichtet war und Gottes Zorn erweckte, ist heute nicht einmal mehr eine touristische Attraktion.<br /><br />Nein, ich habe nicht vor, den Turm zu rekonstruieren. Ihn in seiner alten Form darstellen zu wollen, wäre eine dumme Art der Würdigung. Im Grunde genommen geht es mir um die Feststellung, dass der Turm zwar noch steht, aber zu einem Trümmerhaufen geworden ist. Erst dadurch, dass der Turm in seinem heutigen Zustand gesehen wird, kann seine gegenwärtige Bedeutung begriffen werden.<br /><br />Der Turm von Babel ist ein Mythos, der Trümmerhaufen aber nicht. Klar, ohne den Mythos hätte es gar keinen Turm gegeben – also auch keinen Trümmerhaufen. So ist es aber eben mit den Göttern und Halbgöttern und Helden aus den alten Zeiten, die wir ja nur aus Erzählungen kennen, aus Mitteilungen und Überlieferungen und Texten und Bildern. Dass es je Marduk (auch Baal genannt) gegeben hat, wissen wir, weil die Sprache seinen Namen und die Kunst seine Gestalt überliefert haben.<br /><br />Ich meine: der Mythos ist gerade kein Mythos mehr, weil er ein Trümmerhaufen geworden ist. Ich meine: ein Trümmerhaufen ist ein Ding-für-sich. Wir brauchen gar nicht auf einen Mythos zurückzugreifen, um diesen Stumpf in der Geschichte, in mir, in dir, in uns zu beschreiben. Ich meine eben, dass wir nicht einmal auf einen Mythos zurückgreifen können, auch nicht wenn wir dringend wollten, weil die alten Bedeutungen zu einem toten Rest geworden sind.<br /><br />Wir müssen nur wissen, dass es einmal einen Mythos gab, der besagt: es gab einmal einen unvollendeten Turm... Weil uns aber nicht die Frage beschäftigt, warum der Turm unvollendet blieb, nicht einmal warum er zu einem Trümmerhaufen geworden ist, sondern was er in der Gegenwart uns als Trümmerhaufen zu sagen hat, brauchen wir nur mythologische Informationen, keine mythologischen Erklärungen.<br /><br />Erst ohne den Blick Gottes erscheint ein Trümmerhaufen nicht als ein Haufen von etwas Gescheitertem. Um einen Trümmerhaufen als ein Ding-für-sich zu sehen, nämlich als einen Haufen von Sachen die in Vergessenheit geraten sind, soll das (göttliche) Urteil des Scheiterns demontiert werden. Gottes Urteil ist nicht hilfreich. (Das hat uns ja Friedrich Nietzsche gelehrt. Seine Arbeit ist alles andere als ein Scheiterhaufen – sie ist ein wunderbarer Trümmerhaufen von schmutzigen Schätzen.)<br /><br />Ein Stumpf ist ein Stumpf. Punkt. Ja, Stümpfe brauchen unsere Hilfe, weil sie gerade die von Gott nicht bekommen. In Bezug auf Stümpfe steht Gott aber selber wie ein Stumpf da. Ja, Stümpfe brauchen unsere Aufmerksamkeit, unsere Hingabe – ohne unsere Hände und Augen und Nasen und Gedanken und Phantasien bleiben sie moralisch blockierte Erscheinungen in der Landschaft, so wie zum Beispiel die Stadt Köln auch eine verlogene Identität darstellt.<br /><br />Ich meine, dass oft davon ausgegangen wird: die Stadt Köln ist leider nicht mehr da. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten bombardiert, ausgelöscht, vernichtet. Und in den fünfziger und sechziger Jahren hat man die Stadt wieder aufgebaut, leider aber nur schnell und lieblos und ohne Seele... Was heute in der Stadt zu sehen ist, ist leider nicht mehr das, was es einmal war. Die Stadt Köln ist ein Stumpf seiner selbst geworden.<br /><br />Ein Stumpf ist aber ein Stumpf. Köln ist nun eben ein voll bebauter Trümmerhaufen. Wenn man nur sieht, was es nicht mehr gibt, sieht man nicht, was es gibt. Was es gibt, wird zu dem, was es nicht gibt, nämlich zur armen und leeren und nicht geliebten Alternative. Was heute Köln ausmacht, ist aber keine Alternative, sondern eine verwundete und fragende und richtige Stadt. (Wer sich auf die Fragen von Köln einlässt, sieht eine Menge schmutzige Schätze. Schmutzig ist aber gar nicht schlimm. Und: was schmutzig ist, kann man reinigen.)<br /><br />Der Turm von Babel steht noch immer da. Ich erkläre ihn heute und in meinen Worten zum Gegenstand meiner Aufmerksamkeit und Hingabe. Und ich hoffe, dass die Leser dieser Worte sich einmischen und sich mit mir ins Trümmerfeld begeben werden. Ich hoffe, dass sie beschreiben wollen, was sie dort antreffen.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-975709487331459841?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com9tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-78026021898554556392009-03-27T10:39:00.004+01:002009-04-01T00:12:46.100+02:00Turm von Babel steht noch da (1). Über eine stolze BeleidigungDer Turm von Babel steht noch immer da - in der Geschichte, in der Gegenwart, in mir, in dir, in uns... Er ist nicht nur unvollendet, so wie wir das vielleicht schon wissen, sondern er zerfällt auch, wie eine Ruine. In seiner Halbheit fällt er auseinander und ist dadurch nicht einmal mehr unvollendet. <br /><br />Auf dem weiten Feld um ihn herum liegen seine Steine, seine Treppen, seine Dachziegel, seine Schornsteine... Man braucht einen Einblick in seine Geschichte, um sehen zu können, dass er einmal ein hoher und stolzer Turm sein sollte – ohne diese Erkenntnis sähe man nur einen Stumpf in einem Trümmerfeld.<br /><br />Und man würde sagen: „Na ja!“<br /><br />Ich möchte versuchen, mich um die Ruine zu kümmern. Nicht, dass ich viel machen könnte, wahrscheinlich sogar überhaupt nichts. Denn ich bin kein Architekt, kein Archäologe, kein Historiker. (Nicht einmal ein Tourist.) Mir stehen keine Baupläne, Kräne und Finanzen zur Verfügung, nicht einmal eine Kamera – das Einzige was ich habe, sind meine Aufmerksamkeit und meine Worte. Mich um die Ruine zu kümmern, heißt also nur: ich begebe mich auf das Trümmerfeld und beschreibe in Worten was ich vorfinde.<br /><br />Ein Turm ist ein Gebäude. Irgendwann sind wir Menschen auf den Gedanken gekommen, dass wir bauen können. Wir waren bestimmt längst nicht mehr im Paradies, denn dort wird nicht gebaut. So ist das mit dem Paradies: man kommt nicht auf den Gedanken dort zu bauen, weil der Ort vollendet ist. Das Bedürfnis, ein Haus oder einen Tempel oder einen Turm zu bauen, entsteht erst, wenn irgendetwas nicht (mehr) stimmt.<br /><br />Weil Menschen aber offensichtlich gestalten wollen, ja, ohne die Tätigkeit des Gestaltens nicht vollständig sind, ist das Paradies ein ungünstiger Ort. Gerade in seiner Vollständigkeit ist das Paradies aus menschlicher Sicht unvollständig. Die Vollständigkeit des Paradieses war damals – damals? oder heute? - so komplett und allgegenwärtig, dass nur ein explizites Verbot den Weg zur Freiheit bot. Man könnte auch sagen: Gott hatte mit seinem kuriosen Verbot in seinem Paradies einen Trick eingebaut.<br /><br />Oder noch genauer gesagt: wir brauchen einen mythologischen Trick um einerseits die Vorstellung des Paradieses als vollständigen Ort aufrecht zu halten und anderseits selbst gestalten und bauen zu dürfen. Das Verbot war wie ein gerade-nicht-gerade-doch von Gott geplantes Loch im Zaun. Mit klaren Begriffen und bewussten Zielen konnten wir uns damals - damals? oder heute? - nicht vom Paradies und letztendlich von den Göttern verabschieden. In einer verwirrenden und sehr innigen und eben unausgesprochenen Zusammenarbeit mit Gott sind wir aus dem Paradies gerutscht und auf unsere eigenen Beine gestellt worden. <br /><br />Uns ist deswegen noch immer nicht klar, was wir genau machen, wenn wir etwas gestalten. Sind wir als Bauende unserem Schöpfer treu? Oder ist jedes Haus, jede Autobahn, jede Kirche, jeder Turm im Grunde genommen eine Art Beleidigung? So lange wir glauben wollen, dass Gott existiert, haben wir als Baufrauen und Bauherren ein Problem, weil seine Vollständigkeit immer wieder peinlich genau unsere Unvollständigkeit hervorhebt. Es ist also durchaus sinnvoll, nicht an Gott zu glauben.<br /><br />Mit dem Turm von Babel steht es anders, das heißt: der Turm sollte anders da stehen. Der Turm war gerade als stolze Beleidigung gemeint. Der Turm von Babylon war eine groß ausgeführte Frechheit, ein bewusster und gewollter Versuch, Gott zu lästern und zu beschimpfen und vor allem überflüssig zu machen. Der Turm von Babylon stellt ein großartiges Paradox dar: Gott, wir brauchen dich nicht, um dich zu erreichen!<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-7802602189855455639?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com2tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-42952189427559229822009-03-21T17:33:00.002+01:002009-05-10T23:39:12.926+02:00Finanzkrise und Sprache. Die Welt will von Menschen gefühlt werdenDie Finanzkrise und die Wirtschaftskrise (sind es eigentlich zwei Krisen?) erzeugen weltweit eine heroische Sprache, die deutlich macht, dass die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse meinen, sich in einer Art Krieg zu befinden. Die Krise soll dadurch „gemeistert“ werden (Angela Merkel), dass die Volkswirtschaften gemeinsam die Rezession „bekämpfen“. Die Süddeutsche Zeitung meldet zum Beispiel: „EU stemmt sich gegen die Krise“.<br /><br />(Kann man sich gegen eine Krise stemmen? Ich glaube nicht.)<br /><br />Die Art und Weise wie über ein bestimmtes Phänomen gesprochen wird, offenbart direkt, wie man sich dazu verhält. Die Sprache der Finanzkrise (die ja natürlich auch eine Wirtschaftskrise und sogar eine Kulturkrise ist) verrät ein Weltbild, in dem es um „beherrschen“ & „eingreifen“ & „steuern“ & „bekämpfen“ geht. Die Sprache basiert auf einer impliziten Wahrheitsvorstellung, die mir katastrophal erscheint.<br /><br />Die Vorstellung ist ungefähr so. Etwas ist grundsätzlich schief gegangen – erst in den Vereinigten Staaten und dann leider auch bei „uns“. Vor allem Banker & Spekulanten haben entweder aus Fahrlässigkeit oder aus Gier große „Fehler“ gemacht, die dazu geführt haben, dass das ganze „System“ aus dem Lot geraten ist. Unerwünschte Folgen sind aufgetreten, die es jetzt zu beseitigen gilt.<br /><br />Anders gesagt: wenn die Banker und Spekulanten moralisch & sachlich „richtig“ gehandelt hätten, wäre nichts Schlimmes geschehen. Und um die Fahrlässigkeit oder die Gier (ja, was war es eigentlich?) zu bändigen, soll jetzt das System korrigiert werden. Die Regeln sollen einerseits hier und dort neu formuliert & andererseits kräftiger gehandhabt werden. Der Ausgangspunkt dabei ist klar und deutlich: „Die Märkte müssen frei sein, aber nicht wertfrei“ (Gordon Brown). <br /><br />Es ist immer die gleiche Frage: sind die Menschen dumm (fahrlässig) oder schlecht (gierig)? Für die Sozialisten sieht es so aus: die armen Leute sind gut, die reichen Leute schlecht & die „normalen Bürger“ leider manchmal fahrlässig. Und warum sind die Reichen schlecht? Weil kein Mensch, moralisch gesprochen, dem Reichtum gewachsen ist. Zu viel Geld & damit zu viel Macht korrumpieren.<br /><br />Und die freien Demokraten - sagte man nicht früher: die Kapitalisten? - sie meinen, dass die armen Menschen dumm sind, die Reichen clever und alle leider manchmal moralisch & sachlich fahrlässig. Und warum sind die armen Menschen dumm & die reichen Menschen clever? Das große philosophische Problem des Kapitalismus ist es, dass diese Frage eigentlich nicht beantwortet werden kann. <br /><br />Die Finanzkrise scheint mir letztendlich eine Kulturkrise zu sein. Es kann ja ganz & gar nicht um die Frage gehen, wie & warum „etwas“ (ja, was?) schief gegangen ist. Nichts ist schief gegangen. Nix. Nie geht „etwas“ schief. So etwas wie „schief gehen“ gibt es überhaupt nicht. Nirgends & nie, weil alles was ist & erscheint & sich zeigt, gerade das ist, was ist & erscheint & sich zeigt. (Vielleicht einfach mit Wittgenstein: „Die Welt ist, was der Fall ist“.)<br /><br />Die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse versuchen die Vorstellung aufrecht zu erhalten, dass es einen Krieg gibt, den „wir“ gewinnen müssen & können. Sie tun alles, um den „einfachen Bürgern“ (die es ja gar nicht gibt) das Gefühl zu geben, dass sie alles im Griff haben. Der weltweite Tsunami von Konjunkturpaketen soll in erster Linie die Bürger beruhigen, etwas darf nämlich nicht sein: Panik.<br /><br />Und das stimmt natürlich. Auch wahr ist aber, dass die Angst vor der Panik & der dementsprechenden Ideologie-der-Beherrschung verhindern, dass die Krise zur gesellschaftlichen Betroffenheit führt. Wenn es im Leben wirklich Veränderung & Verwandlung & Neugeburt gibt, läuft das immer über Betroffenheit. Erst wenn man betroffen ist, kann die Katharsis erfolgen.<br /><br />Wir sind dabei, uns von einer Kultur zu verabschieden. Die Krise geht weit über Geld & Banken & Unternehmungen & Arbeitsplätze hinaus. Was in dieser Krise zu Ende geht, ist der Grundgedanke der Aufklärung, dass wir uns nicht auf die Welt einzulassen brauchen, um sie im Griff zu haben. Laut der Aufklärung braucht man die Welt nicht zu fühlen, um sie in Gang zu halten.<br /><br />Die Welt will aber von Menschen gefühlt werden. Und vielleicht ist es SEHR wahr, dass die Staaten & die internationalen Organisationen gerade nicht die Aufgabe haben, diesen Abschied zu thematisieren & zu begleiten. Diese Trauerarbeit liegt eher in den Händen von Dichtern & Künstlern & Philosophen & Priestern & Propheten & Ärzten & Erziehern & Therapeuten & Wissenschaftlern.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-4295218942755922982?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com3tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-69783678725760525762009-03-12T21:50:00.000+01:002009-03-12T21:51:00.130+01:00Die Schätze von Köln. Die Verlegenheit ist vorbeiKöln besteht aus vier Herzkammern. Und das heißt, dass das Herz von Köln zwischen Norden & Süden, Osten & Westen klopft. Köln ist aber auch verunsichert. In meinem Buch „Herzwerk“ schrieb ich 2006 über die Stadt: „Es scheint, als befänden sich die Kölner – ganz anders als die Einwohner von Amsterdam, Florenz oder Brügge – in einer gewissen Verlegenheit. Sie wollen die Dinge aus der Vergangenheit zwar gut bewahren, doch gleichzeitig wissen sie nicht, was sie damit anfangen sollen“. <br /><br />Und: „Die Kölner sprechen untereinander oft liebevoll von ihrer ´Metropole`, doch es gelingt ihnen nicht, deren Besonderheiten den Besuchern sichtbar zu machen“. Wenn man nach Köln kommt und die Stadt besucht, wird man nicht bedrängend auf ihre wunderbare Geschichte hingewiesen. Ganz im Gegenteil: die Spuren von Albertus Magnus & Konrad Adenhauer & Heinrich Böll & Karl-Heinz Stockhausen findet man nur, wenn man Glück hat.<br /><br />Köln blickt auf eine Geschichte von 2000 Jahren zurück. Wenn man gräbt oder rückwärts denkt, stößt man auf Rheinländer, Nazis, Preußen, Franzosen, Benediktiner & Dominikaner, Normannen, Franken, Merowinger, Römer & Ubier.<br /><br />Als letzte Woche Dienstag, am 03.03.2009 um 13.58 Uhr, das historische Stadtarchiv an der Severinstrasse einstürzte, wurde die Aufmerksamkeit weltweit auf die Schätze von Köln gerichtet. Auf einmal wurde deutlich, dass der imposante Dom der Stadt, den Blick von manch anderen wunderbaren Sachen abgelenkt hat. Und die Kölner selber waren schon ein bisschen überrascht zu erfahren, dass es sich bei ihrem Stadtarchiv um das größte kommunale Archiv nördlich der Alpen handelt.<br /><br />Das sechsstöckige Archivgebäude an der Severinstrasse stand unauffällig in der Südstadt. Es schien sich nur mit der physischen Aufbewahrung von Urkunden & Akten & Karten & Manuskripten zu beschäftigen. Nicht weniger als 26 Regalkilometer Akten befanden sich hinter der introvertierten Fassade. Wenn ich an dem Gebäude vorbei kam, hatte ich nicht das Gefühl gerufen zu werden. Nein, die Fenster-die-es-gar-nicht-gab waren nicht an Passanten interessiert. Sie blickten nicht nach außen, sondern nur nach innen, auf Schätze die niemand sah.<br /><br />Jetzt sind die Schätze in der Unterwelt gelandet. So ist es mit nicht geliebten Schätzen: sie verschwinden in den verborgenen Tunneln des Lebens. Ich glaube aber nicht, dass sie wirklich verschwunden sind. Meine Vorhersage lautet: die Schätze werden ausgegraben & richtig ins Licht gestellt werden. <br /><br />Also, die Kölner werden graben. Und sie werden ihre Verlegenheit überwinden & ihre Metropole mit neuen Augen anschauen & sie mit neuen Augen zeigen.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-6978367872576052576?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com3tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-49989554193311727722009-03-04T23:20:00.000+01:002009-03-04T23:22:23.877+01:00Traumbuch I & II von Willem Frederik Hermans. Dazu eine FrageIch träumte, dass ich in einem alten Haus mit Treppen & Korridoren & Zimmern & vor allem Bücherregalen war – überall waren dort Bücherregale. Ein Unbekannter hatte mich durch eine Hintertür in das Haus geführt. Niemand sollte von meinem Besuch wissen, weil nur ganz bestimmte Leute Zugang zu den alten Büchern haben durften. Und zu diesen Leuten gehörte ich nicht. Als ich schweigend über die Treppen & durch die Gänge ging, hatte ich das Gefühl, von dunklen Geheimnissen umschlungen zu sein.<br /><br />In dem Haus wurden vergessene Bücher aufbewahrt. Es war mir nicht erlaubt, die Bücher in die Hand zu nehmen. Ich sollte gerade all die vielen Bücher unberührt in den Regalen stehen lassen & warten, bis ich das Exemplar, das gerade für mich gemeint war, fand. Irgendwo in dem Haus gab es ein vergessenes Buch, das nur von mir gefunden & wieder entdeckt werden konnte.<br /><br />Es dauerte gar nicht lange, bis ich das Gesuchte fand: zwei schwarze Hefte, die durch ein Gummiband zusammen gehalten wurden. Als ich sie im Regal sah & „erkannte“, nahm mein unbekannter Begleiter die Bände heraus und legte sie in meine Hände. Das erste Heft sah sehr benutzt aus, so, als ob jemand es auf einer Weltreise dabei gehabt hätte. Auf dem Umschlag stand groß & handgeschrieben die römische Ziffer I.<br /><br />Das zweite Heft sah noch ganz neu aus, obwohl es komplett vollgeschrieben war. Als ich es aufschlug, dachte ich: „Wie schafft es jemand, ein Notizbuch ganz voll zu schreiben & es trotzdem so jungfräulich aussehen zu lassen?“ Auf dem Umschlag stand die römische Ziffer II. Und ich dachte: „Merkwürdig – ein erster Teil fast abgenutzt, ein zweiter Teil noch ganz ungelesen.“ <br /><br />Einen Titel oder einen Namen gab es auf den Heften nicht – nur diese großen Ziffern I & II. Als ich aber genauer schaute, meinte ich die Handschrift zu erkennen, und ich sagte zu meinem Begleiter: „Es muss das vergessene Manuskript von Willem Frederik Hermans über die wahren Ursachen des Zweiten Weltkrieges sein!“ „Ach“, sagte mein Begleiter, „dann wissen wir jetzt endlich, worum es sich handelt. Offensichtlich konnte nur jemand von außen uns das verraten“.<br /><br />Ich hatte die beiden Hefte noch nie gesehen – hatte nicht einmal einen Grund zu meinen, dass sie überhaupt existierten. Doch waren sie mir vertraut, so, als ob sie irgendwie zu meinem Leben gehörten. „Bitte, nehmen Sie die Bücher mit“, sagte mein Begleiter, „etwas soll damit geschehen. Kommen Sie in einem Jahr zurück & erzählen Sie mir, was Sie damit gemacht haben“.<br /><br />So weit der Traum. Willem Frederik Hermans gehört zu den großen holländischen Schriftstellern aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er starb 1995. In seinen Romanen und polemischen Essays zeigte er ein existentielles Misstrauen, dass er schonungslos durch seine brillante Sprache auslebte. WFH war ein großer Kritiker, der mit seinem scharfen Blick in die holländische Gemeinschaft schaute & ohne Rücksicht ihre Paradoxe aufdeckte.<br /><br />Der Zweite Weltkrieg war ein richtiges Thema für WFH. In seinem Roman „Die Dunkelkammer des Damokles“ erzählt er vom holländischen Widerstand – und ganz am Ende der Erzählung ist völlig unklar, ob der Protagonist Henri Osewoudt als ein nationaler Held oder als ein mit den Deutschen kollaborierender Verräter angesehen werden muss. WFH misstraute allen schwarz-weiß Denkmustern, also auch der weit verbreiteten Überzeugung, dass im letzten Krieg die Niederländer gut und die Deutschen schlecht gewesen seien. Als der Roman 1958 erschien, waren viele Niederländer gar nicht froh damit.<br /><br />Das Manuskript in meinem Traum über die wahren Ursachen des Zweiten Weltkrieges, hat Willem Frederik Hermans natürlich & leider nicht geschrieben. Trotzdem scheint mir der Traum eine Spur zu zeigen. Die Vorstellung, dass es vergessene Bücher gibt, die in einem geheimen Haus aufbewahrt werden & nur von ausgewählten Menschen gelesen werden können, reizt mich. (Darüber könnte man einen Roman schreiben.) Warum werden Bücher vergessen?<br /><br />Ich verstehe die Bücher in meinem Traum als „Geschichten“. Warum werden Geschichten vergessen? Die Antwort ist einfach: weil sie nicht in die etablierte Geschichte passen. Jede Geschichtsschreibung ist eine Kanonisierung-im-Nachhinein: manche Tatsachen werden als „Richtschnur“ anerkannt, andere werden apokryph erklärt. In der kanonischen Geschichte war der Widerstand in den Niederlanden nur mutig, nur richtig, nur sauber.<br /><br />Jetzt habe ich aber ein Heft I & ein Heft II von WFH über die wahren Ursachen des Zweiten Weltkrieges in meinem Besitz – zwei Hefte, die ich leider nicht lesen kann, weil sie aus Traumsubstanz bestehen. In einem Jahr allerdings soll ich die beiden Hefte zum Geheimhaus zurückbringen & erzählen, was ich damit gemacht habe. Also habe ich die dringende Frage: Wie liest man ein Traumbuch?<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-4998955419331172772?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com22tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-24781262013220073922009-02-25T16:35:00.002+01:002009-02-25T16:37:45.708+01:00Eine Kultur des Herzens. Über gründen und stiftenEine Kultur des Herzens wird nicht gegründet. Sie ist im Entstehen – sie ist immer im Entstehen, und nur so lange sie im Entstehen ist, kann sie eine Kultur des Herzens genannt werden. Eine Kultur des Herzens kommt ohne Konzepte & Fahrpläne & Landkarten aus, ohne schlaue Systeme & Schemen, ohne Parolen & Satzungen, ohne festgelegte Grenzen.<br /><br />Eine Kultur des Herzens wird gestiftet, immer wieder & immer wieder neu, zum Beispiel wenn ich einen Kaffee mit dir trinke, und du fragst: „Was ist mit dir los?“ und ich denke: „Ja, mit uns ist ja immer etwas los“ und ich sage: „Mit mir ist los, dass ich mich nach Feuer sehne, ich meine: Feuer zwischen uns, damit etwas geschieht“ und du dann sagst: „Komm, es brennt so richtig, wir machen etwas!“<br /><br />Oder wenn du sagst: „Zwischen uns gibt es einen Garten, eine Kapelle, eine Werkstatt – einen Raum also, in dem etwas geschehen will, entstehen will, ja, dadurch etwas geschieht, dass etwas entsteht, ohne direkt nützlich oder praktisch oder konkret zu sein, etwas Ungreifbares & Undefinierbares & Erhabenes, etwas Humanes.“ Und wenn ich dann sage: „Es wird sich zeigen, was zwischen uns entstehen kann. Komm, wir geben dem Entstehen Zeit...“ <br /><br />Gründen heißt: physische Fundamente bauen, eine Basis schaffen, Raum & Zeit einbinden und zu unserer Sache verpflichten, im Hier & Jetzt ein Monument aufrichten für morgen und nächstes Jahr, für immer auf der Erde. Stiften ist ein inneres Entzünden. Stiften heißt: die Erde in deine und meine Flammen verwandeln, unsichtbar machen, die Wirklichkeit um eine Stufe höher oder tiefer zu verlegen, das was fest & sicher ist, durch Wärme aufwirbeln zu lassen.<br /><br />Stiften heißt: sich auf das unsichtbare Gefüge von menschlichen Beziehungen & Orten einzulassen. Ja, Orten... Ein Ort kann mehr sein als eine Projektionsfläche meiner Wünsche, meiner Vorhaben, meiner Vorsätze. In einer Kultur des Herzens sind Orte richtige Partner, die genau wie ich – der „Inhaber“ oder „Mieter“ - etwas wollen. Sie fangen an zu sprechen, wenn ich anfange auf sie zu hören. <br /><br />In einer Kultur des Herzens ist es erlaubt mit diesem und jenem einfach anzufangen, ohne sich um die Frage zu kümmern, wie es am Ende aussehen soll. Nicht rationale Vermessenheit steuert die Prozesse in einer Kultur des Herzens, als ob man überhaupt wissen könnte, was morgen & nächstes Jahr ansteht, sondern die intelligente Fähigkeit sich überraschen zu lassen. In einer Kultur des Herzens wird man gerne unvorbereitet erwischt.<br /><br />Weil es ja um Ereignisse geht... Nicht die vorbereitende Planung oder die nachbereitende Dokumentation machen den Puls des Lebens aus, sondern die Ereignisse selber (die ja natürlich Vorbereitung & Dokumentation umfassen können. Gute Dokumentationen sind ja richtige Ereignisse.). In einer Kultur des Herzens gehört alles zum Leben: das Einkaufen einer Flasche Wein, das Öffnen der Flasche, das Ausschänken, das Trinken des Weins, das Reinigen der Gläser nachher, das Entsorgen der Flasche... <br /><br />Eine Kultur des Herzens wird also nicht gegründet. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht um Raum & Zeit & Satzungen & Geld kümmert. Wenn es um gründende Tätigkeiten des Lebens geht, findet in einer Kultur des Herzens eine Verschiebung der Perspektive statt. Raum & Zeit werden aus ihrem statischen Rahmen gehoben und als semantische Einheiten verstanden, als Partner also, die eine Geschichte zu erzählen haben. <br /><br />Und Geld wird als Geist verstanden, dass heißt: als entzündendes Feuer. Geld soll nicht wie Wasser fließen, sondern wie Feuer brennen. Wenn (finanzielle) Wärme so richtig brennt, entsteht eine Trennung zwischen Körper und Geist: Körper als Rauch, Geist als Licht. Und was ist Rauch anderes als Luft, die verbrannte Körperlichkeit aufwirbelt und sie mühelos-spielerisch zwei Stufen höher transportiert? Der (hoffentlich angenehme) Geruch wird für hundert Nasen frei gemacht und die Asche schlägt sich nieder und wird zum Kompost. Anders gesagt: In einer Kultur des Herzens geht der Wert des Geldes nie verloren.<br /><br />Wenn die Vergangenheit sich in die Gegenwart verwandelt, kommt die Zukunft auf uns zu. Mit Zukunft ist hier aber nicht gemeint, was wir meinen oder hoffen oder wünschen, dass sein wird. Die Zukunft wird nie sein, so wie die Vergangenheit ist, weil die Zukunft nur dann Zukunft ist, wenn sie in der Gegenwart im Kommen ist. Der Zeitbegriff in einer Kultur des Herzens kriegt eine neue Bedeutung: sie läuft nicht linear von A über B nach C, sondern entzündet sich in B und springt launisch von A nach C, oder gerade umgekehrt: von C nach A.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka für die Korrektur<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-2478126201322007392?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com9tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-29558514180842146572009-02-21T12:50:00.001+01:002009-02-21T12:52:33.637+01:00Basiskonflikte in der Biographie (2). Ode an die DepressionIn meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass in der Biographie eine „dritte Phase“ erreicht wird, wenn in der Erkenntnis des eigenen Basiskonflikts eine Gewissheit entstanden ist, „die dazu führt, dass die Fragen & Spannungen & Anstrengungen aus der persönlich-psychologischen Sphäre gehoben werden und eine objektive Bedeutung bekommen“. <br /><br />Und: „Wir sprechen von einem sehr gelungenen Leben, wenn aus den Spannungen des Konflikts ein bewusster Sprung gemacht und ein neues Bedeutungsfeld eröffnet wird. Oder anders gesagt: der Konflikt wird dadurch gelöst, dass er als Sprungbrett für umfassendere Fragestellungen genutzt wird.“<br /><br />In einem Kommentar fragt „Anonym“: „Jelle, kannst du mir das bitte näher beschreiben?“<br /><br />Ich meine das Folgende. Mir scheint es so zu sein, das „Konflikte“ & „Probleme“ & „Spannungen“ heutzutage immer stärker als „rein persönliche“ Angelegenheiten verstanden werden. Ein einfaches Beispiel: eine fundamentale Erfahrung die zum Menschen & damit zur Welt gehört & die wir mit dem Wort „Depression“ andeuten, wird eigentlich nicht mehr als objektiver Erfahrungsvorgang betrachtet, sondern als Krankheit, die unbedingt zu vermeiden ist.<br /><br />Die beklemmende Erfahrung des Geworfen-Seins, des Spüren des Abgrundes, des Erlebens des Nichts war in den alten Mysterien ein Geschehen, das zur Gestaltung der Persönlichkeit auf eine positive Art und Weise beigetragen hat. Die Entwicklung von Weisheit war nicht möglich, ohne die Bodenlosigkeit des Lebens kennen zu lernen.<br /><br />Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schrieb Samuel Taylor Coleridge ein Gedicht mit dem Titel: „Dejection: An Ode“, also eine Ode an die Niedergeschlagenheit. Coleridge stellt die Depression nicht als Krankheit dar, sondern als eine Erfahrung, die zu einer ganz bestimmten Erkenntnis führen kann. Er beschreibt diese Einsicht mit den Worten: <br /><br />Ah! From the soul itself must issue forth<br />a light, a glory, a fair luminous cloud<br />enveloping the Earth - ...<br /><br />Die Depression kann also zu der Erfahrung führen, dass die Quelle der Freude nicht außerhalb von uns zu finden ist, sondern in uns, dass heißt in unsere Seele. Die Depression ist in diesem Sinne zu verstehen als eine zwar schmerzhafte, aber durchaus sinnvolle Durchgangsphase auf der Reise zu mir selbst und der Welt. Die Depression als ein rein persönliches Problem zu verstehen, führt gerade dazu, dass man in der Depression stecken bleibt und das entstehende Licht, den Glanz, den leuchtenden Schein nicht wahrnimmt. <br /><br />Bekannt ist ja eigentlich längst, das Licht und Schatten zusammen gehören. Wenn man aber beginnt, diesen Zusammenhang zu er-leben, ja zu leben, dann wird es unumgänglich, diesen beschriebenen Sprung zu machen und damit ein neues Bedeutungsfeld zu eröffnen.<br /><br />Alles was ein Mensch erfahren kann, gehört zur Welt. Wenn ein Mensch mit einem Problem ringt (und das kann ja ALLES sein), ringt er objektiv mit der Welt. Oder vielleicht besser gesagt: die Welt spielt sich in uns ab; alle persönlichen Probleme sind Weltprobleme. <br /><br />Persönliche Probleme gibt es nicht.<br /><br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-2955851418084214657?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com8tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-66992073307114546032009-02-15T11:36:00.002+01:002009-02-15T11:42:53.788+01:00Basiskonflikte in der Biographie. Sieben ThesenThese eins: Im Leben eines jeden Menschen wirkt ein Basiskonflikt. Alle biographischen Spannungen & Fragen & Anstrengungen & Tätigkeiten & Aufgaben sind Variationen von diesem Konflikt. Die Natur des Basiskonflikts ist nicht psychologischer oder soziologischer, sondern eher anthropologischer Art. Am treffendsten aber ist der Basiskonflikt als ein „geistiger“ zu beschreiben. Denn dieser Konflikt ist das Ergebnis von Werten & Wahrheiten & Intentionen & Tugenden, die offensichtlich vorhanden sind und spontan nicht unbedingt miteinander harmonieren. <br /><br />These zwei: Die Auseinandersetzung mit diesem Konflikt gestaltet die Biographie. In den wichtigen Ereignissen einer Biographie drückt sich dieser Basiskonflikt aus. In den Bildern der Jugend zum Beispiel – interessant sind diesbezüglich die frühesten Erinnerungen – zeigen sich die „geistigen“ Voraussetzungen auf mannigfaltige Art und Weise. Die Lebensumstände, die Wahl des Berufes, die Beziehungen zu den Menschen, die Krankheiten & Missgeschicke sind mit dem jeweiligen Basiskonflikt verwoben.<br /><br />These drei: Die biographische Auswirkung dieses Konflikts kann drei Phasen durchlaufen. In der ersten Phase wirkt der Konflikt völlig unbewusst. Manchmal – aber nicht immer – hört diese erste Phase zwischen dem 28. und 35. Lebensjahr auf. Der Betreffende merkt auf einer träumerischen Ebene, dass „etwas“ an ihm haftet, wovon sie oder er vorher keine Ahnung hatte. Der Konflikt taucht auf mannigfaltige Art und Weise vor dem Bewusstsein auf. Die dritte Phase wird manchmal – aber nicht immer – zwischen dem 49. und 56. Lebensjahr erreicht. Dann ist der Konflikt voll ins Bewusstsein gedrungen und wird als eine persönlich-überpersönliche Angelegenheit verstanden.<br /><br />These vier: Die erste Phase stimmt mit dem überein, was Wolfram von Eschenbach in seinem „Parzival“ die Phase der „Dumpfheit“ nennt. Die Entscheidungen des Lebens werden aus dem Bauch getroffen und sind immer richtig-verkehrt oder verkehrt-richtig, man könnte auch sagen: immer richtig-richtig. Obwohl diese Phase „dumpf“ ist, steckt eine gestaltende Weisheit dahinter. (Alles was man Erziehung nennt, muss mit dieser dumpf wirkenden Weisheit rechnen.)<br /><br />These fünf: Die zweite Phase stimmt mit dem überein, was Wolfram von Eschenbach die Phase des Zweifels nennt. In den Worten von Walter Johannes Stein: „Wenn des Menschen Herz aus der Dumpfheit zum Zweifel erwacht, dann zieht sich des Menschen Seele in sich selbst zusammen. Da empfindet sich das tapfer mannhafte Gemüt zugleich in Schmach und Zier, wie der verzauberte Vogel, die Elster, die halb Taube, halb Rabe zu sein scheint“. 1<br /><br />These sechs: Die dritte Phase heißt bei Wolfram von Eschenbach die Phase der Seelensicherheit („Sælde“). Sie ist erreicht, wenn der Betreffende in der Erkenntnis des eigenen Basiskonflikts eine Gewissheit gefunden hat, die dazu führt, dass die Fragen & Spannungen & Anstrengungen aus der persönlich-psychologischen Sphäre gehoben werden und eine „objektive“ Bedeutung bekommen. Der Betreffende ist mit sich selbst und mit der Welt in Frieden. (Was aber nicht heißt, dass ein Stillstand eingetreten ist.)<br /><br />These sieben: Wir sprechen von einem sehr gelungenen Leben, wenn aus den Spannungen des Konflikts ein bewusster Sprung gemacht und ein neues Bedeutungsfeld eröffnet wird. Oder anders gesagt: der Konflikt wird dadurch gelöst, dass er als Sprungbrett für umfassendere Fragestellungen genutzt wird. Das Eröffnen eines neuen Feldes kann mit dem klassisch esoterischen Begriff Einweihung beschrieben werden.<br /><br /><br />1. Walter Johannes Stein, Weltgeschichte im Lichte des heiligen Gral, 1966, Stuttgart, Seite 125.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-6699207330711454603?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com14tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-81616001446606268632009-02-09T23:17:00.001+01:002009-02-09T23:18:19.352+01:00Aristoteles: die wichtigste Aufgabe des Gesetzgebers ist es, die Freundschaft zu schützenObwohl sie noch immer ein ungelöstes Rätsel sind, scheinen manche Fragen für eine Weile ohne die Aufmerksamkeit der Menschen auskommen zu müssen. Sie verschwinden aus dem menschlichen Bewusstsein und schlafen ein, bis sie eines Tages wieder geweckt werden, offensichtlich weil ihr Rätsel aus irgendeinem Grund wieder angefangen hat zu brennen.<br /><br />So ein Thema ist die Freundschaft. Einerseits kann man sagen, dass die Fragen der freundschaftlichen Beziehungen in der heutigen Zeit so richtig brennen. Jeder Mensch ringt auf die eine oder andere Art und Weise mit den Dilemmas, die auf dem offenen Feld der Nähe - mit den Worten von Emmanuel Lévinas „zwischen uns“ - auftauchen. Kaum ein soziales Feld scheint in der Gegenwart so problematisiert zu sein, wie das emotionale Gewebe zwischen „mir und dir“.<br /><br />Anderseits aber habe ich den Eindruck, dass die Frage der Freundschaft selber kaum gestellt wird. Was ist Freundschaft? Welche Bedeutung hat eine freundschaftliche Beziehung für das individuelle Leben? Und vor allem auch: Welche Rolle spielt Freundschaft in der Gestaltung der öffentlichen Gesellschaft, oder vielleicht besser gesagt: Welche Rolle könnte sie spielen? Das Phänomen der Freundschaft selber, so scheint es mir, wird selten hinterfragt. <br /><br />Eine Freundschaft wird als etwas Selbstverständliches angesehen, was nicht bewusst gestaltet wird. Man hat Freunde, oder man hat sie eben nicht. Die Tatsache, dass man den einen Menschen als Freund und den anderen als Kameraden oder guten Bekannten bezeichnet, beruht oft auf einer begrifflichen Willkür. Die entsprechenden Bezeichnungen werden gedankenlos aus der Luft gegriffen und je nach dem angewendet, so, als ob die Unterschiede eindeutig wären. <br /><br />Man braucht sich aber gedanklich nur kurz mit dem Unterschied zwischen Freundschaft und zum Beispiel Bekanntschaft zu beschäftigen, um festzustellen, dass die Begriffsabgrenzung im realen Leben vage ist.<br /><br />Die Unklarheit in Bezug auf die Bedeutung des Begriffs Freundschaft steigert sich noch, wenn sie aus dem rein privaten Bereich gehoben und in das Licht der gesellschaftlichen Zusammenhänge gestellt wird. Eine einfache Wahrnehmung macht vielleicht deutlich, was ich damit meine. <br /><br />Wenn Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik behauptet, dass der Gesetzgeber vor allem die Aufgabe hat, die Freundschaft zu schützen, erzeugt das in unserer heutigen Gesellschaft ein Befremden. Was hat denn der Gesetzgeber mit Freundschaft zu tun? Freundschaft ist doch eine private Angelegenheit, damit hat der Staat doch gerade gar nichts zu tun?<br /><br />In der heutigen Sprache würde Aristoteles sagen, dass Freundschaft ein „Eckstein“ der Gesellschaft ist. Unter dem Einfluss des kirchlichen Christentums hat in unserer Gesellschaft die Familie diese Rolle übernommen – und das ist gerade auch das, was viele politische Parteien heute versuchen: nicht die Freundschaft, sondern die Familie zu schützen. In gewissem Sinne ist die Freundschaft in gesellschaftlichen Zusammenhängen non-existent geworden und in den rein privaten Bereich verwiesen worden.<br /><br />Freundschaft kann als eine freie Beziehung zwischen zwei Menschen verstanden werden, die eine freie Beziehung zu sich selber gestaltet haben. In der Freundschaft ist die Freiheit im Prinzip frei von biologischen, geographischen, wirtschaftlichen oder anderen Voraussetzungen. Es ist gerade der Aspekt der Freiheit, der Aristoteles damals dazu gebracht hat, der Freundschaft die höchste „soziale“ Bedeutung zu geben.<br /><br />In einer Kultur des Herzens ist die Freundschaft der Ort, wo Freiheit gelebt & geübt & praktiziert werden kann.<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-8161600144660626863?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com1tag:blogger.com,1999:blog-3040091732979256593.post-35880020263628040722009-01-30T11:59:00.000+01:002009-01-30T12:00:39.575+01:00Das Eigenleben der Sprache. Über Wörter als Okulare„Die Sprache hat, behaupte ich, ein Eigenleben. Sie macht etwas mit meinem Denken. Sie ist wie eine, die sich nicht festlegen lassen will, und die zugleich Genauigkeit, größtmögliche, einfordert.“ Diese Sätze schreibt Nicole in ihrem Kommentar zu meinem Text mit dem Titel „Intuitive Aufgeschlossenheit. Über Nähe und Sprache“ vom 9.1.2009. In diesem Text hatte ich Owen Barfield zitiert: “[…] words are not bottles […]“ - also, Wörter sind keine Flaschen.<br /><br />Flaschen sind Behälter. Von einem Behälter erwarten wir, dass er seinen Inhalt gerade unverändert „be-hält“. Flaschen sind geeignet Wasser & Milch & Wein in ihren reinen Form aufzubewahren, weil das Glas neutral ist. Glas mischt sich sozusagen nicht in den Zustand des Wassers ein. Auf Wörter übertragen heißt das: wenn ich heute das Wort „Auto“ verwende, müsste es genau die gleiche Bedeutung haben wie gestern oder vor zehn Jahren. Dies ist aber eindeutig nicht der Fall. <br /><br />Wörter werden aber oft wie Flaschen behandelt. Wenn in einem Gespräch zum Beispiel um „Begriffserklärung“ gebeten wird, heißt das meistens, dass auf der Ebene der Sprache so etwas Kurioses wie Eindeutigkeit verlangt wird. Begriffe müssen festgelegt werden, was praktisch heißt, dass die entsprechenden Wörter fixiert werden. In der kommunikativen Praxis führt semantische Fixierung aber immer dazu, dass die Beziehung zu den Begriffen unbeweglich wird.<br /><br />Was sind Wörter? Wie vermitteln Wörter Bedeutungen? Und was kann damit gemeint sein, dass die Sprache ein Eigenleben hat? Eine einfache Tatsache macht deutlich, dass die Wörter nicht wie eindeutige Findlinge in der Landschaft der Bedeutungen liegen, sondern ständig ihren Ort wechseln. Um ein „holländisches“ Bild zu benutzen: Wörter sind eher wie Lichtflächen auf einem Binnensee.<br /><br />Wenn ich ein Wort aufschreibe, zum Beispiel „Auto“, ruft das in den Lesern allerhand Vorstellungen hervor. Der stolze Inhaber eines Porsches stellt sich bei dem Wort etwas anderes vor, als ein Volkswagendealer in Köln-Porz oder ein Politiker der Grünen in Wiesbaden. Das Wort erzeugt in jedem von uns spontan eine komplexe Vorstellung, die mit unserer spezifischen Perspektive zusammenhängt.<br /><br />Wenn ich ein zweites Wort dazu schreibe, zum Beispiel „Zug“, (also: ein weißes Blatt Papier mit nur diesen beiden Wörtern darauf geschrieben: Auto & Zug) ändert das neu dazu gekommene Wort sofort die Bedeutung des ersten Wortes. Das Wort „Zug“ wirft ein Licht auf das Wort „Auto“ und hebt neue Bedeutungen hervor, zum Beispiel diese: in einem Auto können nicht mehr als fünf Leute reisen (in einem Zug können das ja locker zweihundert sein).<br /><br />Ein drittes Wort verändert wieder das Gefüge. Schreibe ich zum Beispiel das Wort „Freiheit“ dazu, werden unsere spontanen Vorstellungen sofort in eine neue Richtung gelenkt, und wir denken: mit dem Auto hat man die Freiheit wann man will zu reisen, mit dem Zug ist man an den Fahrplan der Deutschen Bahn gebunden. Oder: im Zug hat man die Hände frei und kann eine Zeitung lesen.<br /><br />Wörter werfen ständig ein Licht auf andere Wörter. Sätze sind in diesem Sinne komplexe grammatikalische Strukturen, die wie ein delikates Gewebe ganz bestimmte Bedeutungen „suggerieren“ (Barfield). Erst in konkreten Sätzen kriegen Wörter konkrete Bedeutungen. Nicht alle Ansammlungen von Wörtern bilden aber einen Satz – wenn ich schreibe: „Auto Zug Freiheit“ ist damit noch kein Satz entstanden.<br /><br />Das Eigenleben der Sprache liegt (auch) in ihrer grammatikalischen Struktur. Die Sprache hat eine Art Körperlichkeit, die sie durch uns als Sprecher & Zuhörer & Schreiber & Leser gehandhabt haben will. Wenn wir die Körperlichkeit der Sprache nicht ernst nehmen, macht sie einfach nicht mit; oder anders gesagt: um eine passende Aussage in Raum & Zeit zu realisieren, dass heißt eine konkrete Bedeutung hier und jetzt zu suggerieren, müssen wir den grammatikalischen Gesetzen der Sprache folgen.<br /><br />Eigenartig ist dabei, dass gerade dieser Tanz mit der Sprache immer wieder neue Bedeutungen hervorruft. Sehr oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich als Schreiber auf der Suche war – irgendwie schwebte mir vage & traumhaft & inspirativ eine „Bedeutung“ vor Augen, die aber ganz & gar nicht konkret, sondern eher wie eine schwammige Ahnung in mir vorhanden war. Erst dadurch, dass ich auf die Sprache hörte, vor allem auf ihren grammatikalischen Eigenwillen, entstand der richtige Satz. Und mit dem Satz leuchtete die klare Bedeutung-als-Begriff auf.<br /><br />Wörter & Sätze & Texte sind wie frei schwebende Okulare. Wenn man auf die holländische Wasserfläche schaut, sieht man, dass es zwischen Wasser und Licht noch ein drittes Element gibt, nämlich Luft. In den luftigen Bewegungen zwischen Wasser und Licht kommen die beiden zusammen: Wasser als Nebel und Licht als Fläche. In diesen frei schwebenden Okularen spiegeln sich Wasser und Licht und es offenbart sich die Landschaft.<br /><br />In der Sprache lebt ein kräftiger Wille, der mit Weisheit verbunden ist. Das offene & behutsame & inspirierte Gespräch mit der Sprache bringt uns zu den Formulierungen, die wir suchen. Die Sprache ist eine eigenwillige Partnerin, die nur mit uns tanzt, wenn wir die Integrität ihres Körpers respektieren.<br /><br />Mit Dank an Sophie Pannitschka<div class="blogger-post-footer"><img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/3040091732979256593-3588002026362804072?l=jellevandermeulen.blogspot.com'/></div>Jelle van der Meulenhttp://www.blogger.com/profile/01057150351750965915noreply@blogger.com2